Von Wellen, Inzidenzen und Todesfällen

Vorbemerkung

Heute geht es um die bisherigen Wellen der Pandemie. Wir befinden uns ja in der sechsten von allen, der so genannten „Sommerwelle“. Ich habe mir die Wellen genauer angesehen und dafür die Datei „timeline“ von den AGES-Daten verwendet. Die Datei stammt vom 29.07. und enthält daher die Daten vom 26. Februar 2020 bis zum 28. Juli 2022.

Die Datei „timeline“ ist jene, bei der die Daten schlussendlich auch immer wieder korrigiert werden, das heißt, alle bis Ende Juli 2022 eingebrachten Nachmeldungen, Ummeldungen und Änderungen sind hier enthalten. Dazu muss ich noch eine kritische Vorbemerkung anbringen:

Wie viele Menschen leben in Österreich?

Bis vor wenigen Wochen wurden bei den Daten für Österreich seitens der AGES 8.932.664 Menschen als Einwohner angegeben. Das war schon im Oktober 2020 so, als die AGES das Dashboard offiziell übernommen hat.
Mich hat das immer gestört, weil die Bevölkerung ja inzwischen gewachsen ist. Nun habe ich zuletzt entdeckt, dass nun 9.027.999 verwendet werden. Zuerst habe ich mich gefreut, dass auch die AGES nun die neuesten Daten berücksichtigt – bis ich heute entdeckt habe, dass diese Zahl nun FÜR ALLE TAGE DER PANDEMIE so verwendet wird. Anstatt also zu differenzieren und zB die Quartalszahlen der Statistik Austria zu verwenden, tun die Daten-Ersteller der AGES nun so, als hätten wir schon vor zweieinhalb Jahren mehr als 9 Millionen EinwohnerInnen gehabt in Österreich.
Das wirkt sich zwar bei den Inzidenz-Zahlen nicht extrem aus, aber eben doch ein wenig. Ich halte das für einen privaten Zahlenfreak wie mich für einen möglicherweise entschuldbaren Fehler, nicht jedoch für die AGES, welche im Auftrag des Staates hier die Zahlen richtig darstellen soll.
Ich habe mir daher erlaubt, eine zweite Berechnung zu machen, die im Gegensatz zur AGES die Quartalszahlen heranzieht (auch wenn die Unterschiede meist nur sehr gering sind und kaum sichtbar).

Die sechs Wellen

Inzidenzen

So sieht es in Sachen Inzidenzen aus, wenn wir die sechs Wellen betrachten. StammleserInnen wissen bereits: Auch eine Prozent-Darstellung würde genau gleich ausschauen, allerdings statt zB Inzidenz 1.000 einen Prozentwert von 1% ausweisen.

Wir erkennen die erste Welle fast gar nicht – damals wurde kaum getestet und viele Menschen waren einfach positiv, ohne dass sie als solche „registriert“ wurden. Welle zwei im Herbst 2020 ist durchaus gut erkennbar, weniger ausgeprägt ist dann die dritte Welle im Frühjahr 2021.
Sehr gut zu sehen ist die vierte (Delta) Welle und die fünfte (Omikron) „Doppelwelle“. Auch die sechste Welle, die so wie es derzeit aussieht, auch österreichweit ihren Zenit bereits überschritten hat, erkennen wir gut.

Todesfälle

Wie sieht das Ganze nun mit dem aus, von dem anfangs alle gesprochen haben? Die Todesfälle – eine durchaus hinterfragenswerte Größe, weil sie ja alle die Verstorbenen enthält, welche in einem gewissen Zeitraum nach einem positiven Test auf Covid verstorben sind. Ebenfalls bemerkenswert ist die Altersstruktur bei den C19-Todesfällen – der allergrößte Teil war bereits älter als 75 Jahre.
Hier soll es jedoch nur um die offiziellen AGES-Daten gehen – ebenfalls mit erfasst sind daher auch die am 20. April 2022 nach- – oder besser umgemeldeten Todesfälle aus den Jahren 2020 und 2021 – es waren mehr als 3.500 an der Zahl in ganz Österreich!

Hier sehen wir die erste Well viel deutlicher als vorher bei den Inzidenzen. Noch extremer ist dann allerdings die zweite Welle im Herbst 2020 – die dritte sieht eher wie eine „Nachwehe“ der zweiten Welle aus. Auch die vierte Welle ist gut zu erkennen – die Omikronwelle ist etwa gleich hoch wie die 3. Welle im Frühjahr zuvor. Wenig zu sehen ist von der „Sommerwelle“ zur Zeit.

Kombination

Hier sind beide Kurven übereinandergelegt. Damit auch die Todesfälle sichtbar sind, habe ich diese um den Faktor 200 vergrößert. Wären die Linien also gleich hoch, würde das bedeuten, dass etwa 1 von 200 positiv Getesteten verstorben ist an oder mit Covid. Das war bei der Delta-Welle wohl der Fall laut den offiziellen Zahlen.

Die Letalität

Die Letalität drückt aus, wie viele Prozent der positiv Getesteten (normalerweise der Erkrankten, das ist bei Covid allerdings nicht ermittelbar) versterben. Ich habe die Zahlen hier so ermittelt, dass ich die Todesfälle mit den 14 Tagen zuvor ermittelten Positiven verglichen habe, weil ich aus anderen Grafiken weiß, dass der Höhepunkt der Sterbezahlen immer ziemlich genau 14 Tage nach dem Höhepunkt der Inzidenzen eingetreten ist.

Wir sehen, dass anfangs im März 2020 etwa ein Drittel aller Positiven verstorben sein muss. Nach dem März 2020 war diese Zahl so gut wie IMMER unter 10% – nur Mitte Juni 2020 gab es ganz kurz etwas höhere Zahlen. Ab den Sommerferien (Anfang Juli) 2020 bleiben die Zahlen dann bis heute IMMER unter 5%, genau genommen sogar unter 3,5% – also etwa ein Zehntel der ursprünglichen Letalität!
Ab März 2021 blieben die Werte dann durchgehend unter 2% und ab August 2021 kamen sie nie mehr über 1% hinaus. Nach dem 19. Jänner 2022 stieg die Zahl nie mehr über 0,175% – das ist um 190 Mal weniger als im März 2020!

Was mir auch noch auffällt, ist dass es in beiden Sommern (2020 und 2021) eher höhere Zahlen gab – das ist dadurch erklärbar, dass in Zeiten mit wenigen Positiven der Wert schon durch wenige Todesfälle erhöht wird.

Die Gesamt-Letalität

Die Gesamt-Letalität beziffert immer den Prozentanteil Anteil der bis zum Datum X Verstorbenen an den bis 14 Tage davor ermittelten positive Getesteten.

Wenn wir die Gesamt-Letalität untersuchen, so heißt ein Ansteigen der Kurve (blau) immer, dass die Zahl der Todesfälle pro positiven Fällen ansteigt, Das sehen wir gut am Anfang der Pandemie. 14 Tage nach dem ersten positiven Test in Österreich gab es auch den ersten offiziellen Todesfall – daher lag der Wert kurzfristig bei 100%. Bis Ende April 2020 lag die Gesamt-Sterblichkeit daher noch sehr hoch.

Um auch die Zeit danach noch besser zu erkennen, habe ich bei dieser zweiten Grafik die rechte Skala mit dem maximum von 5% begrenzt. Wir sehen jetzt, dass die Sterblichkeit wohl bis Mitte Juli 2020 noch einmal auf fast 5% angestiegen ist. Danach fällt sie rapide auf unter 2,5% ab. Interessanterweise steigt sie erst NACH der zweiten Welle noch einmal etwas an, seit  Mitte februar 2021 sinkt sie nur mehr ab. Derzeit liegt der Wert (wenn wir ihn auf die Gesamtzahl der Mitte Juli 2022 insgesamt gefundenen positiv Getesteten berechnen) bei 0,441%.

Die Sterblichkeit innerhalb/außerhalb der Wellen

Was mich nun interessiert hat: Wie viele Personen starben denn laut den offiziellen Zahlen innerhalb und wie viele außerhalb der Wellen.

Zur Erklärung: Ich bin dabei so vorgegangen – am Beispiel der ersten Welle:

Ich habe mir die Inzidenzen von Beginn der Pandemie (später vom Tiefststand zwischen den Wellen) über den Höhepunkt der Wellen bis zum Tiefststand der Zahlen zwischen den Wellen angesehen. Das gelb eingefärbte Datum zeigt den jeweils von mir definierten Zeitpunkt des „Wellen-Endes“. Nun ist es ein leichtes, alle Todesfälle, die „innerhalb“ der Wellen eingetragen wurden mit denen die „außerhalb“ der Wellen passierten, zu vergleichen. Herangezogen habe ich dabei immer die Werte der Sterbezahlen, nicht die der Inzidenzen, weil diese ja vor den Todeszahlen ansteigen und auch wieder abfallen.

Wir erkennen, dass etwa 4.000 aller Todesfälle (etwa ein Fünftel aller Verstorbenen) nicht „während“ einer der Wellen sondern zwischen den Wellen (hier als „vorher“ bezeichnet) gemeldet wurden. Am meisten waren es zwischen Welle 2 (Herbst 2020) und Welle 3 (Frühling 2021).

Und um zu verdeutlichen, wo es – innerhalb und außerhalb der Wellen) prozentuell die meisten Verstorbenen gab, hier noch eine letzte Grafik:

In etwa 10% aller nicht während einer Welle offiziell an oder mit C19 Verstorbenen starb in der Zeit zwischen Mitte Juni und Mitte Oktober 2020. Zwischen Welle 2 und Welle 3 verstarben fast 70% aller außerhalb eines definierten „Wellenzeitraumes“ Verstorbenen – das war der Zeitraum von Mitte Jänner bis Mitte März 2021. Von 9. Juni 2021 bis 24. Oktober 2021 gab es etwa 20% der nicht während der Wellen Verstorbenen zu beklagen. Die letzten 10 Prozent lagen dann zwischen der Delta- und der Omikronwelle bzw. zwischen Omikron und der Sommerwelle.

Bei den während der Wellen Verstorbenen fanden fast 50% aller Todesfälle im Zeitraum von 20. Oktober 2020 und 11. Jänner 2021 statt. Weitere 20% verstarben zwischen 25. Oktober 2021 und 8. Jänner 2022 und gute 15% während der Omikronwelle 2022.

FAZIT

Jeder fünfte Todesfall, der in den letzten zweieinhalb Jahren als Covid-Verstorbener gezählt wurde, verstarb nicht während einer der Wellen, sondern zwischen diesen.

Die Zeit zwischen dem Höherpunkt der Inzidenz-Wellen und dem Höhepunkt der Verstorbenen-Zahlen lag immer ungefähr bei 14 Tagen.

Und die Anzahl der Todesfälle nahm – trotz stetig steigender Zahlen bei den Inzidenzen – ab der zweiten Welle bei jeder weiteren Welle ab. Das führt auch dazu, dass die Letalität (die Fallsterblichkeit) immer mehr absinkt. Mit heutigem Stand sind es 0,041% aller positiv Getesteten. Am 5. Dezember 2020 war mit 10,5 Todesfällen pro 100.000 EW in sieben Tagen der Höhepunkt erreicht. Das sind elf Mal mehr als am 24. Juli 2022, wo es den bisherigen Höchststand während der derzeitigen Sommerwelle gab, bei der es übrigens so aussieht, als wäre der Zeitpunkt zwischen „Wellen-Höchststand“ und „Todeszahlen-Höchstwert“ nur mehr 4 Tage auseinander – im Gegensatz zu allen anderen Wellen!

Bisher nicht im Text enthalten ist die Mortalität (die Zahl der Verstorbenen unter allen Menschen) – die beträgt mit Stand 28. Juli 2022 genau 0,225%.

P.S.: Dass die AGES bei den Bevölkerungszahlen so ungenau arbeitet, passt ins Bild vieler anderer Kleinigkeiten, die entweder bewusst oder unbewusst „unscharf“ dargestellt werden…