Diesen Link zu diesem Artikel schickte mir diese Woche ein lieber Bekannter aus Wien: https://orf.at/stories/3429888

Ich wollte „mehr“ dazu wissen und habe die Datenbank der Statistik Austria bemüht dafür. Erstes Detail dabei: Die Anzahl aller „Transportmittelunfälle“ in Österreich entspricht NICHT den Daten, die es bei der Statistik Austria hier gibt – das sind die Angaben, die in diversen Artikeln wie dem des ORF dazu verwendet wurden.
Das lässt sich wahrscheinlich durch Definitionsunterschiede erklären, da ja ein „Transportmittel“ auch in einem tödlichen Unfall verwendet werden kann, der nicht als „Verkehrsunfall“ gezählt wird. Dass es dadurch zwischen 1% und 7% mehr tödliche Unfälle geben kann mit „Transportmitteln“, ist schlüssig. Warum allerdings im Jahr 2022 die Todesfälle bei unfällen mit ebensolchen um fast 2% NIEDRIGER sind als alle Todesfälle in Verkehrsunfällen, bleibt mir ein Rätsel.
Unfälle und Vergiftungen
Seit 1970 gibt es Zahlen bei der Statistik Austria zu Todesfällen wegen Unfällen und Vergiftungen (diese beiden Kategorien werden zusammen dargestellt bei „Todesursachen, gruppiert nach Ausprägungen“ (es gab dabei 1980 und 2002 Änderungen bei der Erfassung/Definition – das nur zum genauen Verständnis):

Wir sehen, dass es von 1970 bis 1980 bei den Transportmittelunfällen die meisten Todesfälle in dieser Rubrik gab. Danach waren die Selbstmorde und -tötungen die Kategorie mit den meisten Todesfällen bis 2018. Jetzt sind „sonstige Unfälle“ die Gruppe mit den meisten Todesfällen aus den unter der Grafik angeführten Todesfallursachen. Diese Gruppe ist seit 2002 stark angewachsen und auf das Dreifache des damaligen Wertes gestiegen. Was sich alles dahinter versteckt, ist mir nicht bekannt.
Transportmittelunfälle

Das sind alle Transportmittelunfälle seit 1970. Wir erkennen auf einen Blick: Die Todesfälle haben sich seit 1973 auf ein Sechstel der damaligen Zahlen reduziert – und das, OBWOHL inzwischen deutlich MEHR Menschen in Österreich leben und auch der Verkehr stark zugenommen hat.
Das auf eine einzige Maßnahme zu reduzieren (zB Gurtflicht oder Airbags) wäre zu kurz gegriffen, denn dann müssten wir ganz klar irgendwo einen extremen Abfall der Zahlen sehen und danach eine relativ gleichbleibende Kurve.
Was nicht gut zu erkennen ist in dieser Grafik, sind – neben allen Unfällen mit Fahrzeugen und den seit 2002 neuen „sonstigen Straßenverkehrsunfällen“ – die Zahlen von Unfalltoten mit Fahrrädern oder auch bei Unfällen mit Beteiligung von Eisenbahnen.

Daher habe ich diese hier noch einzeln dargestellt. Wir sehen, dass 2025 – laut den offiziellen Zahlen der Statistik Austria (Link siehe oben) – erstmals KEINE Verkehrunfälle bei Eisenbahnen zu einem Todesfall geführt haben.
Der im ORF-Artikel thematisierte Anstieg bei den Fahrrädern ist nicht ganz „einmalig“, weil es zB auch 1982, 1992, 2002,02009 und 2023 sehr starke Anstiege im Vergleich zum Vorjahr gegeben hat. Fakt ist, dass es seit 1970 nie mehr tödlich verunglückte Fahrradfahrer gab als 2025. Am Zweitmeisten waren es 2002, damals starben 57 Menschen auf/mit dem Fahrrad, 2025 waren es 65.
In all den 55 Jahren mit Daten waren es nur einmal weniger als 20 (1985) und einmal mehr als 60 (2025).

Zu ein paar Aussagen im Artikel möchte ich Stellung nehmen:
- Die im ersten Absatz des Artikels beschriebene „Negativentwicklung, die sich seit Jahren fortsetzt.“ ist aus den Gesamtzahlen nicht erkennbar in meinen Augen.
- Der nächste Satz lautet: „Von Unfällen betroffen waren auffallend viele Kinder sowie Rad-, E-Scooter- und E-Bike-Fahrerinnen und -Fahrer„
Zuerst zu den Fahrradfahrern, von denen laut Ausführungen etwa 50% E-Biker und 50% ohne E-Bike waren – insgesamt machen diese 16,5% aller Verstorbenen im Verkehr aus – das ist jeder sechste Todesfall. Dass das Risiko, als Fahrradfahrer in einem Verkehsunfall getötet oder verletzt zu werden, größer ist, als zB in einem Auto, ist jedem, der schon einmal Rad gefahren ist, klar, denke ich.
Zu den Altersgruppen: eine Grafik, die ich anhand der von der Statistik Austria bereitgestellten Altersgruppenangaben gemacht habe – in dem Fall natürlich relativiert auf pro 100.000 EW der entsprechenden Gruppe

Wir sehen sofort, dass die Gruppe der 0-14-Jährigen (die übrigens neben den ab 85 Jahre alten Menschen NICHT in Zehn-Jahres-Gruppen erfasst wird!) die mit den WENIGSTEN Todesfällen ist – zum Glück!
Wer dann genauer liest, erkennt, dass sich die „Schlagzeile“ vor allem auf die Verletzten bezieht. Dort sind laut Artikel wieder vor allem Kinder betroffen. Zeigt sich das auch in den Zahlen?

NEIN: Es sind vor allem Menschen in hohem Alter betroffen! Etwa 100 Mal so hoch ist hier das „Verletzungsrisiko“ im Vergleich zu Kindern und Jugendichen bis 14 Jahren!

Und auch wenn wir die Menschen ab 75 Jahren weg lassen, sieht das Bild nicht viel anders aus. Nur die 45-54-Jährigen haben im Vergleich zur jüngeren Altergsuppe vor ihnen ein leicht niedrigeres Risiko, sich bei Verkehrsunfällen zu verletzen!
Fazit
Nach dem Lesen des Artikels, in dem – in meinen Augen – mit wenig Recherche ganz viel vermischt und wahrscheinlich auch übernommen wurde aus Presseaussendungen oder Agenturmeldungen und einem Blick auf die ersten „Headlines“ im – wie jeder weiß meist gelesenen ersten Absatz – wird klar: Es ist nicht so „einfach“ wie es dargestellt wird. Und manche (viele?) der Schlüsse halten nicht das, was sie zuerst versprechen.
Wenn zum Beispiel die im Artikel als Lösung dargestellte Reduzierung des Tempos auf Freilandstraßen von 100 auf 80 „viel bringen“ soll: Warum ist dann gerade in Vorarlberg die Situation 2025 besonders „dramatisch“ gewesen bei den Verkehrstoten? Denn in Vorarlberg gibt es schon SEHR lange keine Freilandstraßen mehr, auf denen mehr als 80 gefahren werden darf (außer Autobahnen und die S16-Schnellstraße).
Und wieso wird geschrieben, dass vor allem Kinder und Jugendliche betroffen sind, wenn das einfach nicht stimmt?
Zur Klarstellung: Jedes Todesopfer in einem Verkehrsunfall ist eines zu viel, wir sollten alles unternehmen, um die „Opferzahlen“ zu senken – diese waren allerdings vor 50 Jahren, als es deutlich weniger Menschen und Verkehr in Österreich gab, um ein Vielfaches höher als heute!
Recherche und genaues Anschauen von Zahlen sowie Hinterfragen von Zahlenmaterial scheint entweder außer Mode gekommen zu sein oder nicht mehr genügend bezahlt zu werden…