Seltsamigkeiten als Nebenprodukt

Wer kennt das nicht: Ihr sucht nach etwas Bestimmten und findet es nicht. Dafür taucht plötzlich etwas anderes auf, das ihr Wochen davor gesucht habt oder von dem euch noch gar nicht aufgefallen ist, dass es fehlt.

So ist es mir mit diesem Thema ergangen. Ich wollte eigentlich Langzeitreihen in Sachen Niederschläge und Temperaturen darstellen, bin dabei jedoch auf vollkommen Unerklärliches gestoßen.

Vorbemerkung

Seit frühstens 1775 (Hohe Warte in Wien), oft dann seit etwa 1895 und noch öfter erst seit den 1930er-Jahren gibt es in Österreich Wetteraufzeichnungen mit Daten bei der „geosphere austria“ (ehemals ZAMG). Darauf weise ich auch immer wieder hin, wenn aufgrund von aktuellen Daten von einer „250-jährigen Messgeschichte“ gesprochen wird, die es so nur ganz punktuell gibt.
Anfangs wurden dabei oft die Niederschläge gemessen und Temperaturen an drei verschiedenen Zeitpunkten: Das war 7 Uhr morgens, 14 Uhr nachmittags und 19 Uhr abends. Genau so eine Messreihe mit den Temperaturen habe ich dann auch erstellt, weil es an vielen Mess-Stationen erst vergleichsweise spät Tagesmaxima und Tagesminima-Werte gibt.

Das sah dann zB so aus für die ca. 130 Jahre seit 1895 am Sonnblick. Dabei fiel mir aus, dass der Unterschied zwischen den morgendlichen und abendlichen Werten sehr unterschiedlich war – was mich veranlasst hat, mir das ganz genauer anzuschauen.

WICHTIG! Die Grafiken unten zeigen KEINEN Temperaturverlauf, sondern nur die Unterschiede zwischen den Temperaturen um 7 Uhr morgens und um 19 Uhr abends (meines Wissens immer „Sonnenzeit“, also ist das Vorhandensein einer Sommerzeit immer mit berücksichtigt!).

Morgens ist es kälter als abends – oder?

Bleiben wir gleich beim Sonnblick: Als Ausgangsbasis diente immer das Mittel aus 365 Tagen – das hißt, wenn wir ein Klima haben würden, in dem sich nicht wirklich etwas ändert, dann sollte dieses Mittel doch immer änlich sein, weil die Dauer, mit der es berechnet wird, immer ein Jahr beträgt. Dabei sind auch eventuelle Tage ohne Messdaten berücksichtigt bzw. Phasen ohne Werte als Lücken dargestellt (siehe andere Stationen später): Noch einmal – es geht hier nur um den Unterschied zwischen den Werten um 7 Uhr morgens und um 19 Uhr abends.

Am Sonnblick ist es morgens immer kälter als abends. Der Unterschied schwankt zwischen 0,8°C und 1,5°C – also im Mittel von 365 Tagen beträgt die Schwankung „nur“ 0,7°C. Auffallend ist höchstens, dass es früher größere Temperaturunterschiede gab als seit etwa 1925.

In Wien sieht das Ganz schon anders aus: Erstens waren die Temperaturunterschiede bis 1950 immer zwischen 2,25 und 3,25 Grad. Danach gibt es plötzlich bis etwa 1972 Werte, die etwa ein Grad mehr Unterschied zwischen den morgendlichen und abendlichen Werten zeigen. Und dann erfolgt ein glatter „Bruch“ und die Unterschiede sind plötzlich geringer – allerdings mit steigender Tendenz, sodass es in den letzten jahren zu ähnlichen Unterschieden kam, wie vor 130 Jahren.

In Innsbruck war es – mit Ausnahme der Jahre 1937 bis 1947 – immer etwa um 4,5 bis 5,5 °C wärmer am Abend als am Morgen. Auch wieder bis zum Jahr 1972 – seit dann beträgt der Unterschied meist um die 3 bis 4 Grad.

Auch aus Kremsmünster gibt es lückenlose Daten: Bei dieser Station in der Nähe von Linz gibt es zwei auffallende „Bruchstellen“: Einmal um das Jahr 1909 und einmal auch hier wieder ca. 1971/72 – die Unterschiede waren hier plötzlich jeweils um ein Grad geringer als zuvor. Zuletzt stiegen die Unterschiede wieder an und liegen derzeit ca. bei 2,5 Grad.

Auch in Bad Bleiberg in Kärnten ist der „70er-Jahre-Sprung“ zu sehen. Davor gibt es dort anfangs deutlich weniger Unterschied zwischen Morgen- und Abendtemperaturen, ab 1910 war es morgens im Schnitt etwa 4-5°C kälter als abends – seit 1970 liegt der Unterschied nur mehr zwischen 2,5 und 3,5 Grad.

In Feldkirch waren es vor 1905 oft mehr als 5 Grad Unterschied, danach deutlich weniger. Auch hier sehen wir wieder die „Stufe“ Anfang der Siebzigerjahre – am geringsten war der Unterschied im Mittel der 365 Tage vor dem 18. Mai 1985 mit nur 2,1°C.

Im Südosten der Steiermark gibt es erstens viele Messlücken und zweitens neben dem Absinken des Unterschiedes Anfang der 70er-Jahre noch ein weiteres Absinken 10 Jahre später. mit der Wiederaufnahme der Messungen im Jahr 2004 sind die Unterschiede wieder ähnlich wie in den 70er-Jahren.

Fast lückenlos sind die Werte aus Freistadt im Norden Oberösterreichs: Auch hier sehen wir ganz deutlich die „70er-Jahre-Stufe“ mit einem um ca. 1 bis 1,5 Grad geringeren Unterschied zwischen Morgen- und Abendwerten.

Lienz hat von 1914 bis 1948 nur wenige Jahre mit durchgehenden Daten – allerdings gab es auch im Osttirol die auffallende Stufe Anfang der Siebzigerjahre.

In Rauris fehlen die Daten von 1900 bis 1930 – auch hier ist die „Stufe“ Anfang der 70er-Jahre zu erkennen, auch wenn sie eher einer Treppe ähnelt und nicht ganz so abrupt nach unten abreißt.

Auch in Reichenau an der Rax ist das Geringer-Werden des Unterschieds zwischen Morgen und Abend eher gleitend in den Siebziger-Jahren. Was hie rnoch auffällt, sind die drei Jahre von 1912 bis 1915, wo der Unterschied DEUTLICH geringer war als davor oder danach.

Salzburg: Von maximal 5,4°C Unterschied in der Nachrkiegszeit um 1950 bis zu nur 1,7°C im Jahr 1996 ist ein sehr großer Unterschied. Auch hier gibt es wieder die markante Stufe Anfang der Siebzigerjahre.

Auch in Wörterberg an der Grenze zwischen Burgenland und der Steiermark ist das Absinken des Temperaturunterschiedes zwischen Abend- und Morgentemperatur in den Siebzigern gut zu erkennen.

In Zwettl im Waldviertel erkennen wir die Stufe sogar noch deutlicher – hier sind wie in Wörterberg erst Daten ab ca. 1930 zu finden.

In Langen am Arlberg fallen eher die Jahre zwischen den Weltkriegen mit mehr Unterschied zwischen Morgen- und Abendtemperaturen auf. Der Rückgang Anfang der Siebziger ist weniger auffallend.

Seckau in der Obersteiermark stellt – neben dem Sonnblick – eine Ausnahme dar. Hier gibt es nur für die Jahre Ende der 60er und Anfangd er 70er eine kurze Phase mit MEHR Temperaturunterschied als davor und danach.

Fazit

Mit Ausnahme weniger Stationen – hier vor allem die des Sonnblick in über 3000 Metern Seehöhe – muss in Österreich Anfang der Siebzigerjahre etwas passiert sein bei den Messungen der Temperaturen am Morgen und am Abend. Denn fast überall beträgt der Temperaturunterschied danach plötzlich um ca. 1 Grad weniger zwischen den Werten von 19 Uhr abends und 7 Uhr morgens.

Ich bin gespannt, ob es jemanden gibt, der dafür eine Erklärung hat. Die Einführung der Sommerzeit kann es eigentlich nicht sein, weil die Ablesungen immer auf die Greenwich-Zeit abgestimmt waren, also meines Wissens während der Sommerzeit einfach eine Stunde später erfolgten.
Sonst wäre zum Beispiel in dieser Grafik, die nur die Entwicklung der 19-Uhr- und 7-Uhr-Mittelwerte über 265 Tage darstellt, ein klarer Sprung zu erkennen zur selben Zeit!