Gab es das wirklich noch nie? Was heißt „seit Messbeginn“?

Nachträgliche Vorbemerkung: Ich habe hier nirgends meine „Datenquelle“ angeführt und mache das genre noch, weil ich darauf hingewiesen wurde: https://dataset.api.hub.geosphere.at/app/frontend/station/historical/klima-v2-1d
Das sind die Tagesdaten aus Österreich, die es seitens der „geosphere austria“ gibt.
Was ich dabei erst selbst „gelernt“ habe, ist, dass die Daten, die mit Werten ab 1775 unter „Wien Hohe Warte“ heruntergeladen werden können, gar nicht alle von ebendort stammen – wie der Screenshot von der Seite zeigt, wenn man die Zeilen „aufklappt“:

Nachträgliche Vorbemerkung 2:

UPDATE: Das fand ich jetzt interessant – es gibt eine Grafik der gesophere austria, die so aussieht…


Die Grafik anbei (Bild unten) ist von mir aus den Daten der geosphere austria ermittelt mit den 7-Uhr-Temperaturen, die bei der Hohen Warte ab 1775 abfragbar sind (allerdings stammen die Daten vor 1872 von zwei anderen Stationen in Wien – siehe Grafik-Beschriftung).


Was ich dabei interessant finde, ist die Beschriftung der HISTALP-Daten: Jahresmittel aus welchen Daten (bei mir sind es nur die laut Parameter_Angaben bei der geopshere um 7 Uhr gemessenen Daten)? Und welche „Tieflandstationen“ sind darin jetzt enthalten? Bei den herunterladbaren Daten gibt es nur die aus Wien, danach erst welche ab 1830.
WENN diese „meine“ Daten, die laut Korrespondenz mit der geosphere homogenisiert sein sollen, stimmen, dann war es um 1790 herum im Jahresmittel in Wiens Innenstadt bei der alten Universität gleich warm wie zuletzt an der Hohen Warte.
Ich habe bewusst keinen „Vergleich mit einem Temperaturmittel“ (1961-1990 ist am hellblauen Hintergrund erkennbar) dargestellt, sondern die rohen Daten des Jahresmittels (alle Tagemessungen geteilt durch die Anzahl der jährlichen Mess-Tage).

URSPRUNGSARTIKEL

Vorbemerkung 1

Ich weiß nicht, woran es liegt. Mir persönlich erscheint es so, als ob die „Mitte“ ausgedünnt worden ist. Vielleicht liegt es daran, dass die, die am lautesten schreien, am meisten schreiben, posten oder kommentieren, die sind, die am meisten gesehen und gehört werden.
Tatsache ist, dass der Ton immer respektloser wird. Für mich und mein Verständnis ist zum Beispiel „Wissenschaft“ immer ein Diskurs. Es darf nie so weit kommen, dass es dabei respektlos wird und Menschen, die andere Ansichten vertreten, diffamiert werden, persönlich beleidigt oder als „unseriös“, „rechtsradikal“ oder „grüne Gutmenschen“ etc. dargestellt werden.

Vorbemerkung 2

Ich habe mich heute noch einmal hin gesetzt, um etwas zu erfahren und das mit anderen zu teilen. Ich bin NICHT mit der Absicht, etwas auf eine bestimmte Art darzustellen, in die Daten der geosphere austria (vormals ZAMG) abgetaucht. Ich wusste NICHT, was dabei heraus kommt. Ich wurde – wie schon so oft – wieder einmal überrascht vom Ergebnis in der Form.

Ausgangssituation

Immer wieder höre ich von Menschen, von denen ich viele ob ihrer Sachlichkeit – oder dem Versuch, sachlich zu bleiben – schätze, dass es zwar früher auch warme und heiße Tage gegeben hat, aber eben nur einzelne, nie so viele und dass – zum Beispiel – es zu ihren Lebzeiten „früher“ niemals so warm war am Tag oder in der Nacht und wenn, dann höchstens ganz kurz und nie so lange.

Das Problem dabei: Es gibt – im Gegensatz zu dem, was oft geschrieben wird in vielen Medien – in Österreich kaum Daten von Stationen, die bis heute Daten liefern, die wirklich über 1895 hinaus reichen – die Ausnahmen können an zwei Händen abgezählt werden: Wien (Hohe Warte), Salzburg, Kremsmünster, Rauris, Innsbruck (Universität), Lienz, Sonnblick und Graz (Universität).

Bis auf Graz sind alle diese Stationen unter den 16, die ich seit Jahren verwende, wenn ich Daten zum Wettergeschehen in Österreich darstelle.

Wer also von „250-jährigen Daten“ spricht in Österreich, der spricht in Wahrheit von EINER einzigen Station: Nur in Wien auf der Hohen Warte wird seit 1775 aufgezeichnet, was an Temperaturen und Niederschlag etc. gemessen wurde. An zweiter Stelle folgt der Flughafen Salzburg, dort gibt es aber nur Daten ab 1875 – also 100 Jahre weniger. Wenn wir eine Station mit erwähnen, bei der es bereits seit 1830 Daten gab, die alelrdings seit den 1950er-Jahren nicht fortgeführt wurden, dann ist das das Landesmuseum in Klagenfurt.

Mir ist es immer wichtig, alles in einen möglichst großen Zusammenhang zu stellen. Daher verwende ich heute hier AUSSCHLIESSLICH DIe Daten von der Hohen Warte in Wien. Nun kommt Problem 2 dazu: Wenn es um Temperaturen geht, dann wurden Tagesmaximum und -minimum erst ab ca. 1850 erfasst in Wien – sonst meist erst ab frühestens 1895. Daher muss ich auf diese Daten verzichten, wenn ich einen größeren Zeitraum abbilden will und kann auch keine „Hitzetage“ oder „Sommertage“ oder „Eistage“ darstellen, weil sich diese Angaben immer auf die Tageshöchst- oder -tiefsttemperaturen beziehen.

„Tropenmorgen“ und „Hitzemorgen“

Ich habe mich dafür entschieden, darzustellen, wie oft es morgens um 7 Uhr in Wien an der Hohen Warte bereits mindestens 20°C hatte (bei mir heißt das dann „Tropenmorgen“ in Anlehung an die Tropennächte, die ab 20 °C Minimaltemperatur gezählt werden) und wie oft es sogar 25°C hatte um 7 Uhr in der Früh (das nenne ich Hitzemorgen, weil ein Tag mit mind. 25°C wirklich ein sehr heißer zu werden scheint). Selbstverständlich ist die Zahl der von mir definierten „Tropenmorgen“ häufiger als die der Tropennächte, weil davon ausgegangen werden kann, dass es um 3 oder 4 Uhr morgens oder auch zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh noch deutlich kühler ist als um 7 Uhr.

Menschen bis 65 Jahre

„Hoppla, jetzt hat er sich verschrieben,“ werden viele bei dieser Überschrift denken. „Es geht hier nicht um Todesfälle, oder Erkrankungen etc. und daher doch auch nicht um Daten von Menschen bestimmten Alters.“ Tut es nicht, es geht aber um das Gedächtnis, die anekdotischen Erinnerungen der Menschen. Alle, die seit 1960 auf die Welt gekommen sind, verfügen maximal über Erinnerungen bis 1960 zurück. Daher schauen wir uns diesen Zeitraum zuerst an:

Das sieht darmatisch aus, oder? In der „Klimaperiode 1961 bis 1990“ (erkennbar am weißen Hintergrund) gab es nie mehr „Tropenmorgen“ als im Jahr 1983 – damals waren es 28 – zwei davon wiesen sogar Temperaturen von mindestens 25 Grad auf. Im Zehn-Jahres-Schnitt (dunkle gestrichelte Linie) gab es damals zwischen 10 und 20 Mal im ganzen Jahr morgens um 7 Uhr schon mindestens 20 Grad an der Hohen Warte. Seit 2020 liegt dieser Schnitt bei 40 bis 50 Mal im Jahr! Und 2018, 2019 und 2024 waren es sogar mehr als 60 solcher warmen Morgen in Wien! Über 25 Grad hatte es am meisten im Jahr 2015 – damals gab es 10 Mal schon morgens um 7 Uhr mindestens 25 Grad!

Das heißt, alle, die nicht älter als 65 sind und nicht erst in den Neunzigerjahren oder noch später zur Welt kamen, haben recht, wenn sie sagen „zu meinen Lebzeiten gab es das früher kaum oder gar nie“.

Daten ab 1895

Wie sieht es aus, wenn wir so weit zurück gehen, dass es theoretisch auch schon mehr als 10 andere Stationen in Österreich gibt mit solchen Daten? 1895 ist hier das Jahr der Wahl, damals kamen Bruck/Mur, Reichenau/Rax, Seckau, Langen am Arlberg, Bad Gleichenberg, Feldkirch, Freistadt, Linz Stadt, Schmittenhöhe, Kollerschlag und Hall bei Admont dazu. (Auch hier wieder viele, von denen ich immer die Daten verwende).

Natürlich verwende ich (damit ich das noch erweitern kann) wieder nur die Daten von Wien:

Wir sehen, praktisch dasselbe Bild wie vorher – es sieht zwar, weil die „Kurve“ nun länger ist – etwas weniger dramatisch aus, aber auch wenn wir unsere Vorfahren, die um die Jahrhundertwende 1900 zur Welt gekommen sind, noch fragen könnten, würden sie uns bestätigen: Ja, es gab schon heiße Morgen und sehr warme Morgen, aber NIEMALS so viele wie heute! Am meisten „Tropenmorgen“ gab es noch 1945 bis 1951 und in den Jahren 1911 und 1921 – damals waren es jeweils über 20. Und nie gab es mehr als ZWEI Morgen pro Jahr, in denen es schon um 7 Uhr morgens mindestens 25 °C gab.

Daten ab 1775

Jetzt wird es spannend: Was ist, wenn wir ALLE verfügbaren Daten dazu nehmen und nachschauen, wie es denn schon VOR 1895 aussah an der Hohen Warte – also seit 1775 – immerhin 120 Jahre mehr?

HOPPLA! Was sehen wir jetzt? NIEMAND kann bei dieser Grafik behaupten, dass es „früher nie so viele solche heißen Morgen“ gab. Wenn wir die Daten von 7 Uhr morgens anschauen, dann gab es 1783, 1797 und 1811 mehr als 90 (!) Tage, an denen es morgens schon 20°C und mehr hatte. Und 1788, 1797 und 1811 waren es zwischen 22 und 31 davon, an denen es schon so früh mehr als 25°C hatte! Im SCHNITT von 20 Jahren liegen wir derzeit bei 5 solcher heißen Morgen pro Jahr, damals waren es mehr als zehn, also doppelt so viele! Und beim Schnitt der „Tropenmorgen“ waren es damals fast 60 pro Jahr, heute sind es knapp über 40.

Vergleich mit 2026

Damit wir die Daten mit dem laufenden Jahr vergleichen können, habe ich noch eine Darstellung: Wie viele solcher Tage gab es bereits bis zum 26. Juni des Jahres? Denn es gibt ja auch viele, die behaupten, dass es nicht nur weniger solcher Tage waren, sondern auch, dass es diese nicht schon so früh im Jahr gegeben hat:

2026 hatten wir an der Hohen Warte morgens um 7 Uhr bisher 17 Mal mindestens 20°C, vier Mal davon waren es sogar mindestens 25°C. In der jüngsten Vergangenheit war hier das Jahr 2018 der Spitzenreiter mit 20 solcher Tage. 2019 hatte es bis zum 26. Juni schon wie 2026 vier Mal am Morgen mindestens 25°C gehabt.
ALLERDINGS: In den historischen Daten vor 1850 ist das nicht wirklich ein Rekordwert: Damals gab es im Jahr 1811 bereits 41 Mal morgens um 7 Uhr mindestens 20°C und auch 1782, 1783 und 1797 waren es jeweils rund 30 solcher Morgen! Das Ganze war so häufig, dass der 20-Jahres-Mittelwert um 1800 fast bei 20 Tagen pro Jahr lag – das ist so viel wie 2018, der Höchstwert der letzten 175 Jahre!
Auch „Hitzemorgen“ gab es damals häufiger: Neun waren es bis zum 26. Juni im Jahr 1811, jeweils sechs in den Jahren 1790 und 1797.

Fazit

Wenn wir die Temperaturreihe um 7 Uhr morgens in Wien betrachten seit 1775, dann haben ALLE recht – die, die behaupten, dass es viel wärmer wurde in den letzten Jahrzehnten genauso wie die, die sagen, dass es das „früher auch schon gab“. Die, die sagen, dass es „früher“, als sie klein waren oder jung, niemals so oft, so früh und so lang heiß war, haben recht. Die, die behaupten, dass es das auch früher schon gab, haben dann recht, wenn sie sich auf die Zeit vor 1850 beziehen.

Am 19. April 1800 hatte es laut den Daten der geosphere Austria in Wien schon am 18. April morgens um 7 Uhr 22,5 Grad. Nie gab es das früher im Jahr seit 1775. Und von 10. Juni bis 9. Juli 1782 hatte es 30 Tage am Stück immer mindestens 20 Grad schon morgens um 7 Uhr. Im Jahr 1794 dauerte so eine „Tropenmorgen-Periode“ sogar 34 Tage lang vom 1. Juli weg! Die längste solcher Perioden in der jüngsten Vergangenheit waren 23 Tage vom 18. Juli 2013 weg.
Die im wahrsten Sinne des Wortes „Heatmap“ unten zeigt das sehr anschaulich: die roten Punkte sind Tage zwischen Mitte April und Ende September, in denen es morgens um 7 Uhr schon mindestens 20 Grad gab – die längsten solcher durchgehenden „Hitzeperioden“ sind mit einem dunkelroten Rahmen markiert:

Es ist gut zu erkennen, dass vor 1850 deutlich mehr solcher Tage zu sehen sind als in der Zeit von 1850 bis etwa 1990. Der Grund, warum das so ist, ist entweder der, dass diese Daten seitens derjenigen, die glauben, nur mit Panik sei eine Anpassung an die derzeit herrschenden wärmeren Temperaturen zu erreichen, ignoriert werden oder sie denjenigen unbekannt sind, ODER die Daten sind eigentlich falsch – dann dürften sie meiner Meinung nach aber so nicht in den Daten der geosphere zu finden sein.

Wie schön wäre es, wenn wir – anstatt uns darüber zu streiten, ob es jemals schon so warm war oder nicht, mehr gemeinsam daran arbeiten würden, die derzeitigen Zu- und Umstände für alle zu verbessern und erträglicher zu machen. Das beginnt bei weniger Flächenversiegelung, geht über Vermeidung von Kriegen und den dadurch entstehenden langfristigen Schäden und Traumata bis hin zu weniger „Welthandel“ im Sinne von Billigprodukten aus fernen Ländern und zu mehr regionaler, ressourcenschonender Produktion und einer Aufwertung von „so lange verwenden und reparieren wie möglich“ anstatt „was kaputt ist wird ersetzt durch neu Proudziertes“. Was dabei auch helfen könnte, ist ein Wieder-Erlernen von selbständigem statt betreutem Denken.

Schlussbemerkung: Ich möchte dieses Posting nicht dazu benutzt wissen, dass sich Leute wieder gegenseitig befetzen oder – noch schlimmer – andere, die selbst gar nicht dabei sind – ins Lächerliche zu ziehen oder respektlos zu erwähnen. DANKE!

P.S.: Wer sich für die neuerdings immer wieder erwähnten „Hitzetoten“ und deren Definition interessiert, dem lege ich folgenden Artikel nahe: https://gesundheit-oesterreich.at/die-sache-mit-den-hitzetoten