Fast tödliche Tropennächte…?

Heute Vormittag hat mich Manuel Schabus kontaktiert. ich kenne ihn, weil er einer „meiner“ Co-Autoren in dem Buch „3 Jahre Corona Schlagzeilen“ (das es immer noch hier im Shop zu kaufen gibt). Unter anderem ist sein Spezialgebiet die Schlaf-Forschung. Hier die Seite, die Manuel im Buch verfasst hat:

Er hat sich gemeldet, weil es seit gestern einen Artikel im Standard gibt (siehe hier), wo es um die Belastung schlafender Menschen in Hitzezeiten geht. Dabei geht es auch um die Tropennächte, speziell in Wien:

Der zweite Absatz oben ist Manuel aufgefallen und er hat bei mir nachgefragt. Den Gefallen, das aufzubereiten, tu ich ihm gerne:

Das sind die Tropennächte in Wien seit 1895 – an der Station Hohe Warte – die ganz offiziellen und für jeden einsehbaren Daten der geosphere austria. Wir sehen also, dass die Aussage nicht „falsch“ ist, denn in der Periode von 1961 bis 1990 gab es wirklich nicht sehr viele Tropennächte an der Hohen Warte.
Warum ich diese Aussage trotzdem als grenzwertig erachte, ist schnell erklärt:
1. Wenn ich einen 30-Jahres-Durchschnitt mit einem einzelnen Jahr vergleiche, dann sind das zumindest Zwetschken und Pflaumen, wenn nicht Birnen und Äpfel. Ich müsste dann zumindest schreiben: „Während es im Zeitraum von 1961 bis 1990 nie mehr als 5 Tropennächte im Jahr in Wien gab…“

2. Oder ich bleibe beim 30-Jahres-Schnitt und dann sind wir derzeit bei ca. 7-8 Tropennächten – 2025 ist übrigens mit erst 5 solcher Nächte derzeit unter dem aktuellen Schnitt.
3. Auch gibt es für mich keinen Grund, warum das ganze wieder einmal mit den Jahren 1961 bis 1990 verglichen wird, die bekanntermaßen noch fast zur Gänze vor dem aktuellen Anstieg der Temperaturen liegen. Vergleichen wir es mit der Periode von 1991 bis 2020, die ebenfalls überall verwendet wird von Klimatologen, dann lag der Schnitt damals bei 6,4 Tropennächten. Auch hier liegt 2025 mit aktuell 5 Tropennächten darunter – und in den letzten 30 Jahren gab es nach dem 15. August noch genau EINE Tropennacht pro Jahr – mehr als 7 waren es nie.
4. Außerdem ist es zwar nicht falsch, das Jahr mit den meisten Tropennächten anzuführen, im Text klingt es jedoch eher so, als wäre das Jahr 2024 ein „normales“ Jahr für die jetzige Zeit.

Noch interessanter finde ich den ersten Absatz in dem Text aus dem Standard: Da geht es um „an der 30°C-Marke kratzen“ in der Nacht… und zwar um zwei Uhr morgens. Nun habe ich keine Daten über zwei Uhr-Morgens-Temperaturen für Wien. Ich habe allerdings die Daten der Tiefstwerte jeder Nacht und mir die Mühe gemacht, nachzuschauen, in wie vielen Nächten es seit 1895 an der Hohen Warte mehr als 25 Grad hatte:

Es waren genau ZWEI – eine im Jahr 2015 und eine im Jahr 2017. Sowohl am 23. Juli 2015 als auch am 2. August 2017 hatte es genau 25,3°C, wenn es um den Tiefstwert aller Tage geht. Von 30 Grad sind wir da sehr weit entfernt und auch die Aussage, dass „Fenster öffnen nicht hilft“, wird damit ad absurdum geführt, weil ja die Temperaturen an der Hohen Warte im Freien gemessen werden und nicht in einem Raum.

Innere Stadt

Jetzt kann natürlich jeder einwerfen, dass die Hohe Warte nicht die Innenstadt Wiens ist. Das stimmt – die Daten, auf die sich der Artikel bezieht, stammen jedoch eindeutig von der Hohen Warte. WARUM wurden nicht die von der Innenstadt verwendet? Dazu fallen mir zwei Gründe ein: Erstens liegt diese Station (ich habe darüber schon mehrfach geschrieben) auf einem Flachdach, umgeben von Hohen Häusern und Straßen – also ist sie wohl eher nicht vergleichbar mit anderen Stationen, die (wie es die Qualitätsansprüche an Wetterstationen vorschreiben), im „Grünen“ liegen. Das wäre daher ein guter Grund, sie nicht zu verwenden. Und zweitens gibt es von der „Inneren Stadt“ nur Daten seit 1985 (nein, das ist kein Zahlensturz von 1895, das ergibt sich zufälligerweise so!) – das macht es allerdings für mich wieder interessant, denn das sieht dann so aus:

Bereits 1985 und in den ersten zehn Folgejahren gab es zwischen 9 und 28 Tropennächten in Wien. Im Zehnjahres-Schnitt ergab das dann ca. 17-18 Tropennächte. Dieser Zehnjahres-Schnitt stieg bis heute auf 30 Nächte an. Interessant ist für mich auch folgendes:

Ein 30-Jahres-Schnitt bei 40 Messjahren macht wenig Sinn, daher habe ich hier noch den 20-Jahres-Schnitt eingezeichnet: Der stieg von etwa 15 auf 28.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Gibt es in der Inneren Stadt vielleicht viel mehr Nächte mit über 25 Grad?

Es waren seit 1985 genau elf an der Zahl seit 1985 – davon stammen alleine 5 (also fast die Hälfte) aus dem Jahr 2015. Auch hier waren die heißesten Nächte aller Mess-Tage der 23. Juli 2015 und der 2. August 2017 – an beiden hatte es 26,9 °C zu dem Zeitpunkt, als es am „kühlsten“ war in diesen Nächten. Das sind genau 1,6 Grad mehr als an der Hohen Warte – und es ist WEIT entfernt von 30°C!

Da ich selbst so gestrickt bin, dass ich immer versuche, auch die „andere Seite der Medaille“ zu erkennen, habe ich mir noch etwas angeschaut: Vielleicht hatten die im Standard ja recht, weil die tiefsten Temperaturen in Wien um zwei Uhr nachts noch lange nicht erreicht sind? Dazu kann ich nur auf aktuelle Daten der vegangenen Nacht in der Innenstadt verweisen, wo es gestern NICHT geregnet hat:

Ich denke, das ist kein schlechtes Beispiel, da es Tagsüber fast 35 Grad hatte und die Nacht eine Tropennacht war: Um zwei Uhr morgens hatte es 23,8°C – das sind gut 11 Grad weniger als um 19 Uhr – und das in der Inneren Stadt auf einem Flachdach, keine Pflanzen oder Grünflächen in der Nähe.

Verhältnis Tropentage zu Tropennächten

Fakt ist, dass die Zahl der Tropennächte stark angestiegen ist in den letzten Jahrzehnten in Wien. Wie auch die der Hitzetage mit mindestens 30 Grad Maximaltemperatur: Interessant ist dabei, dass das Jahr 2003, das bei den Hitzetagen mit 40 Tagen auf Platz 3 liegt, bei den Tropennächten gar nicht so sehr auffällt mit elf Tropennächten (Rang 7). Während also 2003 ungefähr 4 Tropentage auf eine Tropennacht fallen, waren es 2024 bei 45 Hitzetagen 26 Tropennächte – das ist weniger als zwei zu eins!

Das heißt, dass – wodurch auch immer – die Zahl der Tropennächte deitlich schneller gestiegen ist als die der Tropentage in Wien.

Fazit

Das war jetzt quasi ein Beitrag, der durch eine Frage von Manuel Schabus an mich initiiert wurde. Daher habe ich mich heute als „Faktenchecker“ betätigt. Ich kann sagen, dass die Angaben im Standard Artikel so „richtig“ sind. Allerdings sind sie aus meiner Sicht auch fragwürdig, weil einerseits verschiedene Werte miteinander verglichen werden und andererseits eine Periode als „Referenz“ herangezogen wurde, die nicht nur eine der kühleren war in den letzten 150 Jahren, sondern auch eine, an die sich nur mehr Leute wirklich erinnern können, die bereits größtenteils in Pension sind.

Tatsache ist, dass es heute mehr Tropennächte gibt als „früher“, allerdings keine mit so extremen Werten, wie es durch die Wortwahl des Standards suggeriert wird beim Lesen und auch nicht so viele, wie jemand, der den Artikel dort liest, vermuten könnte. Und 2025 war bisher kein „Tropennachtjahr“ der Extreme. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass es 2020 gar keine Tropennacht gab in Wien (Hohe Warte) – das gab es seit 1979 nur drei Mal: 1985, 1996 und eben 2020.