Der Wanderungssaldo

Österreichs Bevölkerung verändert sich – wie die jeden anderen Staates – andauernd. Erstens sterben Menschen und ander werden geboren. Und zweitens gibt es Menschen, die aus Österreich auswandern und andere, die einwandern. Heute geht es hier um genau dieses Thema:

Österreichische Staatsbürger

Unten sind alle 5-Jahres-Altersgruppen angeführt für österreichische Staatsbürger. Dabei ist pro Jahr berücksichtigt, wie viele Menschen der jeweilige Altersgruppe ein- und wie viele ausgewandert sind. Wenn zB im Jahr 2002 der „Saldo“ bei den 0-4-Jährigen auf +1.992 steht, heißt das, dass damals am Ende des Jahres fast 2.000 Babys und Kleinkinder mit österreichischem Pass mehr in Österreich gelebt haben und zwar durch Zuwanderung. Das ist übrigens die einzige Altersgruppe unter 40 Jahren, in der es irgendwo „positive Zahlen“ gibt – überall sonst sind mehr Menschen ausgewandert als zugezogen sind in allen Jahren seit 2002:

Das Jahr 2020 war eines, in dem es ab der Altergruppe 40 bis 45 Jahre bis zu den 65-69-Jährigen überall mehr „Rückkehrer“ als „Auswanderer“ gab. Ansonsten ist diese Bilanz seit 2002 fast überall negativ, auffallend viele grüne Säulen gibt es bei den 60-64-Jährigen und 65-69-Jährigen, was darauf schließen lässt, dass es sich hier um österreichische Staatsbürger handelt, die nach Pensionsantritt aus dem Ausland zurück gekehrt sind.

Wenn wir den Schnitt der letzten 23 Jahre anschauen, dann ist nur bei den Babys und Kleinkindern eine grüne Säule zu sehen, dies auch nur darum, weil dort bis 2006 sehr hohe „Zuwanderungszahlen“ zu finden sind. Überall sonst sind mehr Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschafft aus Österreich weggezogen als nach Österreich (zurück) gekommen. Am stärksten ist die „Abwanderung“ im Alter von 25 bis 29 Jahren, wo im Mittel aller Jahre mehr als 1.000 Menschen das Land verlassen – danach sinkt diese Bilanz bis zu den 60-Jährigen auf fast Null, ehe sie noch einmal bis zu den 80-Jährigen ansteigt.

Nach Staatsbürgerschaft

Wenn wir den „Wanderungssaldo“ nach Staatsbürgerschaften – und getrennt nach Geschlecht – aufschlüsseln, sieht das Ganze so aus:

Fast 60.000 Österreicher und fast 70.000 Österreicherinnen weniger gibt es in Summe seit 2002 durch Abwanderung aus Österreich. Bei allen Staatsbürgerschaften gibt es – so wie sie hier zusammengefasst sind – Zuwächse. Bei weitem am stärksten ist dieser Zuwachs bei den europäischen Staaten, die hier in zwei Gruppen aufgeteilt sind: Jeweils mehr als 300.000 Frauen und Männer aus den EU- und EFTA-Staaten kamen in den letzten 23 Jahren ins Land, wenn wir den Saldo aus Zu- und Abwanderung betrachten. Aus anderen europäischen Staaten gab es bei den Männern ein Plus von knapp 129.000 Personen, bei den Frauen mehr als 173.000 – das dürfte sehr mit den vielen Pflegekräften zusammenhängen, die in Österreich arbeiten, denke ich.
Die zweitgrößte Gruppe in Sachen Zuwanderung stammt aus Asien – etwa 144.000 Männer und fast 110.000 Frauen werden beim Saldo aus allen Jahren ausgewiesen – das sind ca. ein Drittel (♂) bzw. ein Fünftel (♀) der europäischen Zuwanderungszahlen. Daneben machen Zahlen aus Afrika, Amerika, Ozeanien oder auch staatenlose Personen nur einen viel geringeren Anteil an der Zuwanderung in Österreich aus – alles zusammen sind das knapp über 75.000 Personen – also in etwas mehr, als österreichische Frauen im gleichen Zeitraum ausgewandert sind.

Nach Geburtsland

Das sieht auch nicht wirklich anders aus, wenn wir statt der Staatsbürgerschaft das Geburtstland als Kriterium anführen: Es gibt dann mehr Ausgewanderte bei den in Österreich Geborenen und weniger Menschen, die aus den EU- und EFTA-Staaten eingewandert sind – dafür aber mehr aus den anderen europäischen Staaten. Bei den Zahlen aus Afrika ändert sich fast nichts, bei Menschen aus Süd- und Nordamerika sind es etwas mehr, dafür weniger aus Asien und wieder mehr aus Ozeanien. Bei den Staatenlosen sind die Zahlen DEUTLICH höher, wenn es ums (unbekannte) Geburtsland geht:

Der Bundesländer-Saldo

Wohin gehen die Menschen, wenn sie nach Österreich kommen? Hier sehen wir – nach Geschlecht getrennt – wo die meisten Menschen zuwandern:

Etwa 40% aller Frauen und 35% aller Männer, die nach der „Saldobereinigung“ aus Zu- und Abwanderung der letzten 23 Jahre übrig blieben, sind in Wien gemeldet. Auf Platz 2 folgt Oberösterreich mit 16% bei den Männern und 14,4% bei den Frauen. In Wien, Vorarlberg, Tirol und der Steiermark wandern mehr Frauen als Männer zu, in den anderen Bundesländern ist es umgekehrt.
Natürlich spielt hier die Bevölkerungszahl der Bundesländer auch eine Rolle – Wien ist allerdings stark überrepräsentiert, da „nur“ etwa 20% der Bevölkerung Österreichs in Wien lebt, aber zwischen 35 und 40% der Zuwanderer dort landen.

Nach Einzelmonaten

Wenn wir den Wanderungssaldo nach Einzelmonaten seit Jänner 2002 anschauen, fallen mehrere Sachen auf:

  • Eine „negative Bilanz“ (mehr Abwanderung als Zuwanderung) gab es bei den Frauen nur im April 2002 und im April 2010. Bei den Männern gab es das nur im Dezember 2007, im November und Dezember 2008 und – wie bei den Frauen – im April 2010.
  • Bei den Frauen ist mit Ausnahme des Frühjahrs 2022 (Ukrainekrieg) IMMER der September der Monat mit der stärksten Zuwanderung. Bei den Männern ist er es auch oft, aber nicht immer – in beiden Grafiken ist jeweils der September farblich heller hervorgehoben in jedem Jahr.
  • Bei beiden Geschlechtern gab es den stärksten Zuwanderungswert im März 2022. Bei den Frauen folgt darauf weit dahinter der April 2022 und dann der September 2015. Bei den Männern ist der Abstand zwischen dem ersten und zweiten „Rang“ deutlich geringer und sowohl der zweit- als auch der dritthöchste Wert in Sachen Zuwanderung stammen aus dem Herbst 2015.
  • Während der „positive Saldo“ bei den frauen sich zwar etwas verstärkt hat seit 2002, so ist er dort doch nach 2022 wieder stark zurückgegangen und liegt nur ganz selten über 5.000. Bei den Männern gab es von 2014 bis Mitte 2016 und von Mitte 2021 bis Mitte 2024 nur wenige Monate, in denen diese Zahl UNTER 5.000 lag.

3 ausgewählte Länder: Afghanistan, Syrien und Ukraine

Am Beispiel von Afghanistan soll der Begriff „Saldo“ genauer erklärt werden:

Das sind die Zahlen für afghanische Staatsbürger seit 2002 aufgschlüsselt nach Altersgruppen. Im oberen Teil der Grafik sehen wir die Zuwanderung nach Österreich, im unteren die Abwanderung aus Österreich von Afghanen ins Ausland. Gut zu sehen ist, dass die Zahlen vor allem 2015 und 2016 sehr hoch waren, wenn es um die Menschen mit afghanischem pass ging, die nach Österreich kamen. Gleichzeitig ist gut zu sehen, dass vor allem 2016 – aber auch in den Jahren danach – wieder viele Personen mit der afghanischen Staatsbürgerschaft aus Österreich weg zogen.

Daraus ergibt sich dann diese Bilanz als Saldo: 2015 gab es viel Zuwanderung aus Afghanistan, von 2017 bis 2020 gab es sogar meistens eine negative Bilanz in den Altersgruppen.

Über alle Jahre hinweg gesehen, ist die Zuwanderung bei den Afghanen so auf die einzlenen Altersgruppen augeteilt:

Mehr als ein Viertel waren zwischen 15 und 19 Jahre alt, fast ein weiteres Drittel war noch jünger. Nur 17% der zugewanderten Menschen aus Afghanistan waren mindestens 30 Jahre alt.

Bei den Syrern sieht das Ganze etwas anders aus – der Saldo in den Jahren, als viele Menschen von dort nach Österreich kamen, hat durchgehend einen „positiven Saldo“:

Nur in den Jahren 2018 und 2019 waren die Zahlen so gering wie vor 2014. Auch die Aufteilung auf die Altersgruppen ist offensichtlich anders als bei den Afghanen:

31,8% der zugewanderten Menschen aus Syrien waren noch keine 15 Jahre alt. Die größte Gruppe stellen hier die 20-24-Jährigen mit 16,5% – das ist ein deutlich geringerer Anteil an allen als die stärkste Gruppe bei den Afghanen. 15,7% aller aus Syrien zu uns zugewanderten Menschen sind mindestens 35 Jahre.

Bei der Ukraine sind die Zahlen der letzten drei Jahre interessant:

2022 gab es eine sehr starke Zuwanderung, interessanterweise sind bei den Kindern im Alter von 5-14 Jahren bereits im Jahr 2023 weniegr ins Land gekommen, als es wieder verlassen haben. 2024 fallen die Zahlen vor allem bei den 15-19-Jährigen auf, sonst halten sich die Zuwächse in Grenzen.
2022 gab es eine auffallende Lücke bei den Zahlen der 20 bis 29-Jährigen – sonst waren es meistens 5.000 oder mehr Menschen aus der Ukraine, die im Laufe des Jahres aus der Ukraine zugewandert sind bei uns – erst bei den Menschen ab 50 werden es weniger.

Auch die Altersverteilung ist hier eine komplett andere als bei den Syrern oder den Afghanen: Naben den 15-19-Jährigen, die einen Anteil von 12,1% stellen, ist die Gruppe der 35-39-Jährigen die stärkste von allen. Und auch die 60-64-Jährigen stellen 4 Prozent aller in den letzten 23 Jahren aus der Ukraine bei uns eingewanderten Personen. Nur etwa die Hälfte aller Zugewanderten aus dem Kriegsland sind jünger als 30 Jahre.

Das große Ganze

Wenn wir die Menschen aus Amerika und Ozeanien außen vor lassen (siehe Anfang des Beitrags – sie stellen nur sehr wenige Personen), sieht es so aus bei den ca. 1,14 Millionen Menschen, die seit 2002 nach Österreich zugewandert sind:

  • 84% aller Zugewanderten der letzten 23 Jahre stammen aus Europa, Deutschland alleine stellt 13% aller Zuwanderer, die Ukraine weitere 8%.
  • Von allen Europäern stammt der größte Teil aus dem EU und EWR-Raum: Fast die Hälfte aller Zugewanderten hat eine Staatsbürgerschaft aus einem dieser Länder, wenn sie nach Österreich kommen.
  • 9% aller Zugewanderten sind aus Syrien, weitere 4% aus Afghanistan und der gesamte afrikanische Kontinent ist für 3% der bei uns zugewanderten Menschen verantwortlich.

Wie klein – im Vergleich mit den Zahlen der aus anderen europäischen Ländern Zugewanderten – die Zahlen aus anderen Regionen der Erde sind, zeigen diese Grafiken, bei denen auch nach 15-Jahres-Altersgruppen und Geschlecht unterschieden wird:

Bei allen Gruppen stellen die 15- bis 29-Jährigen die größte Gruppe. Einen „negativen Saldo“ gibt es am meisten bei Männern im Alter von 60 bis 64 Jahren.

Diese letzte Grafik zeigt, wie viele Prozent in den jweiligen Altersgruppen aus welchem Staat oder welcher Region stammen, wenn es um die Staatsbürgerschaft geht: Bei den Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren stammen zB mehr als drei Viertel aus Europa bei den Mädchen und bei den Burschen auch über 73%.
Bei den 15- bis 29-Jährigen beträgt der Anteil der Europäer 89% bei den Frauen und 77,5% bei den Männern. Bei den Frauen im Alter von 30-44 Jahren sind sogar fast 90% aus Europa zugewandert und auch bei den Männern sind es fast 86%! Dieser Anteil steigt bei den Frauen im Alter von 45-59 Jahren sogar auf 94,4%, bei den gleichaltrigen Männern sind es 91%! In dieser Altersgruppe ist die Abwanderung von Männern aus Afrika ins Ausland größer als die Zuwanderung nach Österreich.

Fazit

Laut Statistik Austria lebten im Jahr 2024 im Jahresdurchschnitt 9.177.915 Menschen in Österreich. 2002 waren es „nur“ 8.082.104 – das sind um 1.095.811. Seit 2002 beträgt der „Saldo“ aus Zuwanderung und Abwanderung in Österreich 1.127.023. Daraus lässt sich schlussfolgern: Hätten wir keine Zuwanderung, dann würde unsere Bevölkerung nicht wachsen, sondern schrumpfen.
Aufgrund der Tatsache, dass bei uns die Alterspyramide so aufgebaut ist, dass in den nächsten 20 Jahren sehr viele Menschen in die Altersgruppe kommen, in der sich das Sterbegeschehen verstärkt, gibt es nur zwei Möglichkeiten, die verhindern können, dass Österreichs Bevölkerung kleiner wird: Noch mehr Zuwanderung oder eine deutliche Steigerung der Geburtenrate. Wer letztere in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Daher stellt sich die Frage: Nimmt die Zuwanderung weiter zu oder werden wir erleben, dass die Bevölkerungszahl in Österreich sinkt?

All denen, die davor warnen – mit teils abstrusen Rechenbeispielen, in denen zum Beispiel die Geburtenrate der Frauen aus Syrien oder Afghanistan, die bei uns leben, vermischt wird, mit der Gesamtzahl aller Zugewanderten (die zu 90% NICHT aus solchen Ländern kommen) – kann ich versichern: Auch wenn wir durchaus Probleme haben mit manchen der Zugewanderten und vor allem in Ballungsräumen wie der gegen in und um Wien oder Graz: „Wir Österreicher“ werden nicht in zwanzig Jahren die Minderheit im eigenen Land sein!

Leider trübt hier – wie vielerorts sonst auch – der subjektive, oft durch Schlag-Zeilen gesteuerte Blick die Sicht auf das Ganze – ich hoffe, dass ich hier mit diesem Beitrag einen Teil zur Versachlichung des Themas beitragen konnte!