Am Beispiel von Vorarlberg versuche ich hier, einen Einblick zu gewähren in die Strompreispolitik in Österreich: Wie viele andere auch, habe ich in den letzten März-Wochen Post vom lokalen Stromanbieter bekommen. Die Botschaft: Alles wird besser, alles wird billiger… zumindest auf den ersten Blick.
Die Energieverbrauchspreise für meinen bisherigen Tarif „Strom Tag/Nacht Öko+“ – so erfahre ich aus dem Schreiben meines Anbieters, betragen ab 1. April sowohl in der Nacht als auch am tag 9,9 Cent pro kWh (Kilowattstunde) netto. BISHER gab es nachts günstigeren Strom, das wird jetzt abgeschafft.
Im nächsten Absatz lese ich, dass für einen „Durchschnittshaushalt“ die Kosten um 73 Euro netto sinken. Interessant ist hierbei schon ein Detail: Während im obigen Absatz NUR und FETT GEDRUCKT die NETTOPREISE stehen, steht darunter die Einsparung fett gesfhrieben in BRUTTO – netto steht danach „normal geschrieben“ in Klammer. Weil „rund 87 Euro“ wirken halt besser als 73 Euro – und 9,9 Cent netto als „Ausgabe“ besser, als wenn hier 11,88 Cent stehen würden (die jeder Private aber bezahlen muss).
Darunter wird angeführt, dass es jetzt den supertollen neuen Stromtarif „Strom Duo“ gibt:
„Ab 1. April 2026 gelten neue Zeitfenster für vergünstigte Netzentgelte: Von 1. April bis 30. September, täglich von 10 bis 16 Uhr.
Mit der Bestellung von Strom Duo erhalten sie automatisch die reduzierten Sommertarife beim Netz- und Energiepreis.„
Im Sommer spare man damit doppelt, ist darunter zu lesen.
Die Gesamt-Rezeptur
In dem Schreiben und auf den im Internet zu findenden „Produktdatenblättern“ lassen sich die wirklichen Kosten oft nur schwer finden. Ich versuche sie hier einmal übersichtlich darzustellen:
Der ALTE Tarif
a) Energie-Vebrauchspreise und Rabatte
Auf der Rückseite meines oben zitierten Schreibens erhalte ich mehr Infos – auch zu den genauen „Verbrauchspreisen“:

Wer genau hinschaut sieht: Die PREISE bleiben interessanterweise gleich. Was sich in Wirklichkeit ändert, ist der Sonderrabatt, der bis 31. März bei 7,3 Cent pro Kilowattstunde lag. Der STEIGT nämlich beim Tagstrom sogar auf 8 Cent pro Kilowattstunde an, beim Nachstrom hingegen sinkt er auf 5,85 Cent.
Daraus ergeben sich 9,9 Cent für Tag und Nacht – als Nettopreis pro Kilowattstunde.
BISHER gab es von 22 bis 6 Uhr billigeren Strom – zu einer Zeit, wo der Stromverbrauch grundsätzlich geringer war, weil die meisten Leute schlafen. Diese 8 Stunden waren ein Drittel des Tages – und samstags gab es sogar ab 13 Uhr verbilligten Strom!
Laut Auskunft des Kundenservice kamen die „Rabatte“ übrigens von Bund, Land und Anbieter zusammen. Ohne diese wäre beim Anstieg des Strompreises vor einigen Jahren der Strompreis fast auf das Doppelte angestiegen.
b) Die Netznutzung
Die „Netznutzungsgebühren“, die es erst seit 2011 gibt, betrugen bis zum 1. April 5,5 Cent pro Kilowattstunde. Wer bei einem Stromanbieter anruft, wird dazu immer hören, dass dieser vorgeschrieben ist und sie den so weitergeben müssen… aber das ist ein anderes Thema…
Neu beträgt dieser ohne Tarifwechsel 4,96 Cent – das ist ein Minus von fast 11%. Wer nun den neuen „Strom Duo“ bestellt, spart auch hier weitere 20% ein von April bis September von 10 bis 16 Uhr und zahlt dann nur 3,97 Cent pro kWh.
c) Anderes
Wir zahlen noch mehr für die kWh Strom: Der „Erneuerbaren Förderbetrag Netznutzung“ sinkt von 0,79 Cent pro kWh auf 0,62 Cent – Ein Rückgang um 28,4%. Auch das „Netzverlustentgelt“ sinkt von 0,485 Cent auf 0,393 Cent pro kWh (minus 23,41%). Die „Elektrizitätsagabe“ sinkt sogar von 1,5 Cent auf 0,1 Cent pro Kilowattstunde auf „fast Null“.
d) GESAMTPREIS STROM PRO kWh
Das ergibt insgesamt einen Strompreis von 16,673 Cent (Öko-Tarif) netto pro Kilowattstunde Strom. Vor der Tarifänderung lag dieser bei etwas 18,5 Cent pro kWh, wenn ich von einem glecihmäßigen Verbrauch über den ganzen Tag ausgehe, was eher nicht stimmt, da ein normaler Haushalt nachts weniger braucht als am Tag und das Drittel an Stunden von 22 bis 6 Uhr eher weniger zum Tragen kommt.
Wir können in etwa 11% Ersparnis pro kWh ausgehen.
e) Jährliche Gebühren
Bei den Grundgebühren bleibt alles beim alten (21 Euro netto pro Jahr), dafür steigt der Grundpreis für die Netznutzung auf 54 Euro an (bisher 48 Euro – ein Plus von 11%), gleichzeitig sinkt das Messentgelt von 31,2 Euro auf nur mehr 19,2 Euro (ein Minus von 62,5%). Und der „Erneuerbaren Förderbeitrag“ sinkt von 23,715 auf 22,816 Euro – ein Minus von 3,94%.
Die jährlichen Gebühren sinken also gesamt um nicht ganz 7 Euro ab um 6,14%.
Wie gut ist der „Neue“ im Vergleich?
Bei Strom Duo sieht es so aus:
a) Energie-Vebrauchspreise und Rabatte

Der Verbrauchspreis ist auf den ersten Blick VIEL geringer – nur 12,2 Cent im Winter und von 16 Uhr nachmittags bis 10 Uhr morgens sind deutlich weniger als beim alten Tarif. Allerdings beträgt der Rabatt hier nur 2,8 Cent pro Kilowattstunde. Das macht die kWh insgesamt um 0,5 Cent billiger bzw. zu den „Sommerzeiten“ um 1,5 Cent. Wenn wir auch hier berücksichtigen, dass von 10 bis 16 Uhr nur ein Viertel der täglichen Stunden vergeht, liegen wir im Schnitt bei ca. 0,75 Cent weniger an Kosten pro kWh.
b) Die Netznutzung und anderes
Weiter oben ist schon angeführt, dass die Netznutzung etwas günstiger ist – genau gesagt sind es im Mittel mit Berücksichtigung der Zeiten (10-16 Uhr) etwa 5% weniger pro Kilowattstunde oder ca. 0,25 Cent – von April bis September.
c) GESAMTPREIS STROM PRO kWh
Wenn wir nun berücksichtigen, dass dieser Strom Duo Tarif nur ein halbes Jahr und nur in einem Viertel aller Stunden zur Geltung kommt, ergibt sich ein ungefährer Preis von 15,92 Cent pro Kilowattstunde. Dabei ist außer acht gelassen, dass der Stromverbrauch im Winter höher als im Sommer ist! Das ergibt – im Vergleich zum Öko-Tarif eine Ersparnis von 0,75 Cent pro Kilowattstunde.
d) Jährliche Gebühren
Die Grundgebühren des neuen Tarif steigen um stolze 42% an auf 36 Euro pro Jahr (netto). Alles andere ist gleich wie beim alten Tarif.
Die jährlichen Gebühren sind damit im neuen Strom Duo um 15 Euro höher als im alten Öko-Tarif.
VERGLEICHSFAZIT
Wer die 15 Euro auf die Ersparnis beim Verbrauchsentgelt pro kWh umrechnet, kommt auf folgenden Schluss: Wer weniger als 2000 kWh im Jahr verbraucht, kann sich bis nächstes Jahr einen Umstieg mit Sicherheit sparen. Da hier noch nicht berücksichtigt ist, dass im Winter im Schnitt der Stromverbrauch mindestens ein Drittel höher ist, sinkt dieser „Preisvorteil“ sogar noch weiter.
Vorteilhaft ist ein Wechsel demnach nur bei Haushalten, die wirklich mindestens 2.500 kWh Strom in Jahr verbrauchen.
Fazit
Wieso denn einfach, wenn es auch undurschaubar kompliziert geht? Nach meinem Telefonat (weil mir Daten fehlten) mit der Hotline des Stromanbieters bedankte sich die sehr nette Dame sogar bei mir, weil ich sie auf Sachen hingewiesen habe, die sie bis dato selbst nicht gewusst hatte.
Fakt ist, dass kaum jemand in der Lage ist, so komplexe Zusammenhänge wirklich zu durchschauen. Fakt ist weiterhin, dass es nicht über die Strompreise, sondern über die Steuerung der Rabatte zu Veränderungen kommt. Das ist insofern unverständlich, als bei Nachfrage beim „neuen Tarif“ betont wird, dass diese Rabatte von Bund und Land auslaufen – wieso gelten sie dann weiterhin bei den alten Tarifen?
Ebenfalls verwunderlich: Ich meine mich erinnern zu können, dass es hieß, dass eben WEGEN der verstärkten Nutzung und Spitzen durch die PV-Anlagen im Land die Netznutzungsgebühren steigen müssen. Warum sinken sie dann bei Strom Duo genau zu der Zeit, wo vermehrt Sonnenstrom geliefert und eingespeist wird?
Und dazu noch etwas Interessantes: Anbieter von PV-Strom, die ihren Sonnenstrom einspeisen wollen und keine „Sonderverträge“ mehr haben, müssen teilweise bei Spitzenzeiten sogar dafür BEZAHLEN, dass sie Strom einspeisen „dürfen“. Das heißt, die großen Stromanbieter VERLANGEN Geld von den PV-Anlagenbetreibern für die Einspeisung und finanzieren damit wohl die Strompreissenkungen in den hellen Monaten des Jahres für ihre neuen Strom-Tarife.
Nachtrag dazu – nach einem Gespräch mit einem älteren Ehepaar, das in seinem Eigenheim vor vielen Jahren hat Nachtspeicher einbauen lassen um zu heizen: Diese werden jetzt im Regen stehen gelassen mit Tarifen, die nur im SOMMER und nur zur wärmsten Zeit des Tages günstiger sind. Und zu den Zeiten, wo der neue „Strom Duo“ greift, braucht niemand eine Heizung… Auch ältere Elektroboiler können oft nur zwischen Tag- und Nachtstrom umgestellt werden, aber noch nicht anders.
Gleichzeitig gibt es allerdings eine „Belohnung“ mit einem Sondertarif für alle, die Wärmepumpen haben. Dieser gilt das ganze Jahr über, auch für Gebäude, in denen im Sommer gekühlt wird/werden muss, auch weil sie baulich anders sind als viele alte, massivere Gebäude.
Nachtrag dazu
Nach einem Gespräch mit einem älteren Ehepaar, das in seinem Eigenheim vor vielen Jahren hat Nachtspeicher einbauen lassen um zu heizen: Diese werden jetzt im Regen stehen gelassen mit Tarifen, die nur im SOMMER und nur zur wärmsten Zeit des Tages günstiger sind. Und zu den Zeiten, wo der neue „Strom Duo“ greift, braucht niemand eine Heizung… Auch ältere Elektroboiler können oft nur zwischen Tag- und Nachtstrom umgestellt werden, aber noch nicht anders.
Gleichzeitig gibt es allerdings eine „Belohnung“ mit einem Sondertarif für alle, die Wärmepumpen haben. Dieser gilt das ganze Jahr über, auch für Gebäude, in denen im Sommer gekühlt wird/werden muss, auch weil sie baulich anders sind als viele alte, massivere Gebäude.
Und warum muss für Strom Duo eigentlich eine Ablesung im Viertelstundentakt zwingend gemacht werden? Bei Tag- und Nacht-Strom brauchte es das nicht. Ein Schelm, wer sich da was Böses denkt und ein Hoch auf noch mehr „gläserner Mensch“!
P.S.: NEIN, niemand MUSS umsteigen – jeder kann auch in seinem alten Tarif bleiben. Zumindest in Vorarlberg!