Der Ärztemangel und die Teilzeit

Derzeit wird in Österreich viel über „Teilzeit“ geschrieben – dazu folgen weiter unten noch einige Zahlen. Zuerst soll es jedoch um ein anderes Thema gehen:

Nehmen wir einmal an, dass die Menschen in Österreich, die zwischen 55 und 64 Jahre alt sind, in den nächsten 10 Jahren in Pension gehen werden, oder?

Interessant ist dazu eine Grafik der Ärztekammer:

Das sind alle „ärztlich tätigen Personen (Turnusärztinnen/Turnusärzte und selbstständig berufsberechtigte Ärztinnen und Ärzte)“. Es gibt hier also auch noch Personen, die mitgezählt werden, die bereits mehr als 80 Jahre alt sind!
Wenn wir jetzt auf die „relevante“ Gruppe in der Alterstruktur schauen, dann sehen wir folgendes:

Offensichtlich sind sehr viele männliche Ärzte zwischen 60 und 65 Jahre alt – in keiner anderen Altersgruppe gibt es so viele Ärzte. Bei den Frauen ist die stärkste Gruppe zwischen 47 und 50 Jahre alt. Wenn wir also „viele Ärzte, die in Pension gehen“ haben, dann sind das in den nächsten Jahren vor allem Männer. Da es auch sehr viele gibt, die zwischen 65 und 70 Jahre alt sind, wäre auch interessant zu wissen, wie viele von denen wirklich noch regelmäßig oder Vollzeit arbeiten. Und spätestens in 15 Jahren werden wir dasselbe Problem wieder haben, außer es kommen „unten“ bei den jungen ganz viele neue Ärzte und Äztinnen dazu.

Die Alterstruktur generell

Ich habe bei der Statistik Austria interessante Zahlen zur Erwerbstätigkeit gefunden und wieder einige Grafiken selbst erstellt aus den Daten:

Das sind alle Erwerbstätigen in Österreich nach Alter. Leider sind die Daten insofern „verwirrend“, weil von 30 bis 59 alle in Zehnjahresgruppen erfasst sind, davor und danach aber in Fünfjahresgruppen.
Fakt ist, dass die Gruppe der 50-59-Jährigen etwas größer ist als die zwei Gruppen danach.

Staatsbürgerschaft und Geburtsland

Fast 4 von 5 Erwerbstätigen in Österreich haben die österreichische Staatsbürgerschaft. von den restlichen ca. 20 Prozent ist ein Drittel aus den neuen Mitgliedstaaten der EU, etwa 10% aus den „EU14“ ohne Deutschland und etwa ein Siebtel aus Deutschland. Nur 4% aller Erwerbstätigen oder ein Fünftel aller nicht Österreicher stammt nicht aus Europa.

Wenn wir es nach dem geburtsland der Erwerbstätigen anschauen, dann sind fast drei Viertel in Österreich geboren. von den anderen 28% sind etwa ein Viertel aus den neuen EU-Staaten, knapp ein Fünftel aus den EU-14-Staaten ohne Deutschland und etwa ein Neuntel aus Deutschland. Der Anteil der „Nicht-Europäer“ liegt hier bei 6% aller Erwerbstätigen, das sind etwa 21% aller Erwerbstätigen, die NICHT in Österreich geboren sind.

Bald pensioniert?

Wenn es darum geht, wer bald (ca. in den nächsten 10 Jahren) in Pension geht, dann sind das fast genau die Hälfte aller Menschen, die aus einem der EU-14-Staaten ohne Deutschland kommen. Anders gesagt: Etwa die Hälfte aller Menschen, die eine Staatsbürgerschaft aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Schweden, Spanien und dem Vereinigten Königreich stammen und in Österreich erwerbstätig sind, sind zwischen 55 und 64 Jahre alt.
Von allen österreichischen Staatsbürgern sind es fast 20%, bei den Deutschen 16% und bei den Menschen aus Bosnien Herzegowina, Serbien, Montenegro, Nordmazedonien und dem Kosovo knapp unter 15%. Bei allen anderen beträgt der Anteil zwischen 7 und 10,5%.

Wenn wir auf das Geburtsland blicken, sieht die Sache anders aus: Bei Österreich ist der Anteil der 55-64-Jährigen leicht gesunken, beträgt aber immer noch fast 19%. Ann folgen die oben schon aufgezählten Balkan-Länder, die Türkei und Deutschland. Nirgends ist der Anteil an allen Erwebstätigen mit dem gleichen Geburtsland geringer als knapp 12%, wenn es darum geht, wer in den nächsten 10 Jahren in Pension gehen wird.

Genau 1 von 5 Erwerbstätigen ohne Migrationshintergrund fällt in die Altersgruppe 55-64 Jahre. Bei den Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund sind es nur 12,6%, wobei der Anteil derjenigen, die nicht in Ö geboren sind, DEUTLICH höher ist als der bei den Menschen, die in Österreich zur Welt kamen (zweite Generation).

Wenn es um die höchste abgeschlossene Bildung geht, sind die Menschen, die eine BMS abgeschlossen haben, am stärksten vertreten unter den Erwerbstätigen, die „bald“ in Pension gehen. Auch bei den Menschen, die einen Lehrabschluss als höchste Bildungstufe haben, ist der Anteil höher als im Schnitt. Bei denjenigen mit Höheren Schulen oder einem Studium ist der Anteil am geringsten.

Eine etwas seltsame Statistik ergibt sich, wenn wir uns anschauen, wer von den Erwerbstätigen im Alter von 55 bis 64 Jahren zu welcher Gruppe in Sachen Familienstand gehört: So werden etwa 42% aller verwitweten Erwerbstätigen in Pension gehen in den nächsten 10 Jahren, aber auch mehr als ein Drittel aller Geschiedenen. Bei den Verheirateten sind es knapp ein Viertel und bei den Ledigen nur etwa jeder 15. von allen.

Interessanter ist der Anteil der Erwerbstätigen, die in den nächsten 10 Jahren in Pension gehen werden, wenn wir uns die Art der Erwerbstätigkeit anschauen: Mehr als ein Drittel der „mithelfenden Familienangehörigen“ bei Selbständigen wird bald in Pension gehen. Ca. ein Viertel sind es bei den anderen Selbständigen und auch bei den Beamten. Bei den Arbeitern sind es etwa 19%, auch das liegt noch über dem Gesamtschnitt von 17,85%. Nur bei den unselbständig Erwerbstätigen und den Angestellten sind es weniger.
Sehr seltsam: Auch einer von 909 Lehrlingen ist so alt, dass er in den nächsten 10 Jahren in Pension gehen kann vom Alter her.

Wer sucht Arbeit?

Von allen Vollzeit-Erwerbstätigen suchen etwa 2,4% eine Stelle. Von den Teilzeitarbeitskräften sind es 4,4% – am stärksten vertreten sind dabei jene, die nur maximal 11 Stunden arbeiten wollen. Ebenfalls interessant: Auch jemand, der 35 Stunden in der Woche arbeitet, wird als „Teilzeit“ gewertet – erst ab 36 Stunden zählt man als „Vollzeitkraft“.

Die Teilzeit

Was in den letzten Wochen als „asozial“ und „antiquiert“ bezeichnet wurde, nämlich nicht Vollzeit sondern Teilzeit zu arbeiten, schauen wir uns zum Schluss noch ein wenig an:

Insgesamt sind etwa ein Viertel aller Erwerbstätigen in Österreich Teilzeitkräfte (Definition siehe oben!). Bei den 15-24-Jährigen, die sich meist in einer Ausbildung befinden, sind es logischerweise weniger – nach einer „Teilzeit-Lehre“ wird zwar nach Berichten von Ausbildungsbetrieben auch schon gefragt neuerdings, ich wüsste aber nichts über so eine Möglichkeit.
Bei den 25-34-Jährigen sind es etwa ein Fünftel aller Erwerbstätigen, bei den 35-44-Jährigen fast 30% (was oft mit einem Drittel „verwechselt“ wird, obwohl es deutlich unter 33% liegt), danach sinkt die Quote wieder auf etwa ein Viertel bis zu der Gruppe der Menschen ab 55 Jahren.

Auffallend ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen: Während nur etwa jeder 12. Mann eine Teilzeitbeschäfigung hat, sind es fast 42% aller Frauen – das sind fast genau 5 Mal so viele! Von den Frauen zwischen 35 und 44 Jahren sind es mehr als die Hälfte, aber auch bei den Frauen ab 55 sind es noch über 43,6%. Während die Quote also bei den Frauen ab 35 wieder zu sinken beginnt, sinkt sie bei den Männern von 9% bei den jüngsten Erwerbstätigen bis zum Alter von 54 durchgehend ab. In der Gruppe der mindestens 55-Jährigen ist sie hingegen am höchsten!

Wenn es um die höchste abgeschlossene Bildung geht, dann sind Erwerbstätige mit einer BMS-Ausbildung zu mehr als einem Drittel in Teilzeit, alle anderen ca. zu einem Viertel – außer bei denen, die nur einen Pflichtschulabschluss oder eine Lehre haben, dort ist es ungefähr 1 von 5.

Bei den Männern ist überraschenderweise der Anteil der Teilzeitkräfte bei den Erwerbstätigen mit AHS-Abschluss am größten, dann folgen Universitätsabschlüsse und Höhere Schulen. Bei den Frauen ist es bei den Menschen, die eine BMS abgeschlossen haben, mehr als die Hälfte, am wenigsten sind es bei denen, die eine Akademie abgeschlossen haben – das ist interessanterweise die einzige Gruppe, in der es weniger als ein Drittel sind, die in Teilzeit arbeiten.

Die Lehrpersonen

Vergleichen wir doch die Anfangs-Gruppe der Ärzte mit den Lehrpersonen in Österreich:

Was die Alterstruktur betrifft, so ist die größte Gruppe die der 30 bis 34-Jährigen, knapp gefolgt von den 55 bis 59-Jährigen. Insgesamt sind 23,2% aller Lehrpersonen zwischen 55 und 64 Jahren alt und könnten daher in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen.

Bei den Lehrpersonen gibt es auch noch eine interessante Angabe – nämlich wie vielen Vollzeit-Stellen die Anzahl der Lehrpersonen entspricht. Daher sehen wir, dass vor allem bei den Menschen ab 65, den unter 25-Jährigen und den 30 bis 39-Jährigen das durchschnittliche Beschäftigungsausmaß zwischen 60 und 70% liegt. Bei allen anderen Gruppen liegt es zwischen 80 und 90%, am höchsten ist es bei der zweitgrößten Altergruppe der 55-59-Jährigen.
Ich freue mich schon auf unschuldig in die Kamera schauende Verantwortliche und/oder Politikerinnen, die in spätestens zehn Jahren davon sprechen werden, dass so etwas nicht voraussehbar war.

Gesundheitswesen

Was ich auch noch gefunden habe, sind Zahlen zu allen im Gesundheitswesen Beschäftigten:

Demnach gibt es dieses „Problem“ nicht nur bei den Ärztinnen und Ärzten: Bei allen dort Beschäftigten beträgt der Anteil derjenigen, die in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen können, wohl auch etwa 20-25% – genau kann ich das wegen der Altergruppengrenzen nicht sagen.

Fazit

Wenn wir von einer Lebenserwartung von 80 ausgehen, und eine vollkommen gleiche Bevölkerungststruktur annehmen, dann müssten in jeder 10-Jahres-Altersgruppe in etwa 12-13% der Bevölkerung leben – mit nach oben abnehmender Tendenz, weil mehr alte als junge Menschen sterben.

In Wahrheit ist es in Österreich so, dass der Anteil der 55-64-Jährigen seit 2009 ansteigt von etwa 11,2% auf fast15% im Jahr 2024. Anders gesagt: Wenn ALLE Menschen arbeiten würden, würde in den nächsten zehn Jahren fast jeder Sechste in Pension gehen. Wenn es – wie die Ärztekammer schreibt und der ORF es berichtet – bei den Ärzten 1 von 3 sind, dann ist der Anteil deutlich höher. Auch bei den Lehrpersonen ist es fast 1 von 4.

Dem Ganzen jetzt gegenzusteuern, ist wohl eine unlösbare Aufgabe – dazu hätten schon vor 20 Jahren alle Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen. Und im Gesundheitssystem scheint das nicht nur auf die Ärzte zuzutreffen, sondern auf alle Beschäftigten!

Und was die Teilzeitarbeit betrifft: Ich hätte da ein paar Schlagzeilen – wie ernst sie genommen werden können, möge jeder selbst beurteilen:

Nur mehr ledige Erwerbstätige können die freiwillige Teilzeit bekämpfen

Höhere Bildungsabschlüsse führen bei Männern zu mehr asozialer Teilzeitarbeit

Nur der Zuzug von 15 bis 34-Jährigen führt zu mehr Vollzeitbeschäftigten

Scheidungen führen zu mehr Teilzeitarbeit – nicht heiraten senkt die Quote