Der Tod und das Jahr 2022

Jetzt sind sie da – seit gestern gibt es bei der Statistik Austria zum ersten Mal die Sterbezahlen nach Altersgruppen und Kalenderwochen für 2022. Natürlich habe ich diese gleich heruntergeladen und bearbeitet.

Wie immer sind die Zahlen jedoch nicht absolut gerechnet, sondern pro 100.000 Menschen der jeweils dargestellten Gruppe. Denn nur so werden die Jahr untereinander vergleichbar.

VORSICHT

Das sind keine „Jahressummen“, sondern immer die Todesfälle der dem Jahr zugeordneten Kalenderwochen! Das heißt, dass die Datenbasis in allen Jahren 52 Wochen umfasst, außer 2004, 2009, 2015 und 2020 – da waren es 53 Wochen. Trotzdem sind die Jahre und Daten miteinander vergleichbar, da ich immer einen Schnitt berechnet habe pro 100.000 und KW und dieser in den angegebenen vier Jahren einfach aus 53 Wochen berechnet wird und in den anderen Jahren aus 52.

Ein erster Über-Blick

Schauen wir zuerst auf die Gesamtzahlen aller Sterbefälle:

Auf der Grafik oben sehen wir, wie viele Menschen pro 100.000 in Österreich seit 2000 im Schnitt der einzelnen Jahre pro Kalenderwoche verstorben sind. Nur hier auf dieser Grafik ist hier die Null (links) auf der Skala zu sehen, da ich, damit wir die Unterschiede besser erkennen, die Skalierung immer an die Minima und Maxima angepasst habe wie unten:

Das sieht dann ganz anders aus, zeigt jedoch dasselbe. Nun erkennen wir gut, dass nach den Jahren 2000 bis 2003 die Zahlen ziemlich gleich geblieben sind bis 2014. 2015 lag dann auf dem Niveau vom Anfang des Jahrtausends, die vier Jahre danach wieder etwas tiefer.
Dann kamen die Jahre der Pandemie – demnach starben im Schnitt etwa 1,5 bis 2 Menschen pro 100.000 mehr in einer Woche als im 20-Jahres-Schnitt von 2000 bis 2019 (rechte schraffierte Säule).
Was seltsam ist: Das Jahr 2022 war das mit den MEISTEN Todesfällen in all diesen Jahren!

Wenn wir einen Blick auf die einzelnen Wochen dieser Jahre werfen, sieht das so aus:

Es gab zwischen 14,31 (KW 27 im Jahr 2007) und 28,58 (KW 49 im Jahr 2020) Todesfälle pro 100.000 in einer Woche in Österreich. Der zweithöchste Wert aus einem anderen Jahr als 2020 stammt mit 26,67 Todesfällen aus der KW 2 im Jahr 2017. An dritter Stelle folgt dann schon das Jahr 2022 mit 25,51 Todesfällen in der letzten Woche des Jahres.

Ebenfalls exklusiv beim Überblick schauen wir uns diese Grafik noch detaillierter an, indem wir viele unauffällige Jahre ausblenden:

Blicken wir also auf ein paar „auffällige Jahre“:

  • 2000 (weiß) hatte vor allem bis KW 9 überdurchschnittlich viele Todesfälle, aber auch bis KW 46 immer wieder neue einzelne Spitzen – erst danach folgt eine Zeit mit sehr wenigen Verstorbenen.
  • 2015 (gelb) hatte ebenfalls im ersten Quartal überdurchscnittlich viele Todesfälle, dann folgte ein Viertel ungefähr im Schnitt, bevor es von KW 27 bis KW 39 fast durchgehend mehr Todesfälle aus im Durchschnitt gab. Am Ende des Jahres liegen die Werte hingegen im untersten Bereich der Werte aller Jahre (lila Fläche).
  • 2017 gab es ganz am Anfang des Jahres eine starke Grippewelle – daher sind die Zahlen bis KW 9 deutlich über dem Schnitt, dann bleiben sie jedoch mit Ausnahme eine Woche im Spätsommer fast durchgehend unter den Durchschnittswerten.
  • 2020 hatte eine kurze Spitze in KW 5, ansonsten war es bis zur KW 11 ein ruhiges Jahr. Dann folgte 7 Wochen lang ein erhöhtes Sterbegeschehen während der ersten Covid-Welle mit dem totalen Lockdown. Danach blieben die Werte mit zwei Ausnahmen immer im Bereich des Durchschnitts oder unter diesem. Ab KW 36 lagen sie dann über dem Schnitt und von KW 47 bis KW 50 zeigen sie durchgehend die höchsten Werte aller Wochen seit dem Jahr 2000.
  • 2021 begann noch leicht erhöht (aber weit unter vielen anderen Jahren) und war dann bis KW 12 unter dem Schnitt. Dann blieben die Werte jedoch mit zwei Ausnahmen immer über dem Schnitt der Jahre 2000 bis 2019. Eine so extreme Spitze wie 2020 gab es nicht mehr, auch wenn es von KW 41 bis KW 51 Werte DEUTLICH über dem Schnitt gab.
  • 2022 begann mit zwei Wochen unter und weiteren 4 Wochen im Bereich des Schnitts. Danach lagen die Werte bis auf die KW 35 IMMER über dem Schnitt der Jahre 2000 bis 2019 (gestrichelte schwarze Linie) und auch über dem der Jahre 2012 bis 2021 (durchgehende schwarze Linie). Schon im Frühjahr gab es über 4 Wochen neue Höchstwerte, eine weitere Woche folgte im Sommer und 4 weitere im Frühherbst. Nach einer Stagnation der Zahlen bis KW 47 schossen die Zahlen dann ab KW 48 stark in die Höhe und es gab in den letzten zwei Woche des Jahres noch einmal neue Höchstwerte. Insgesamt liegt das Jahr 2022 15 Wochen lang an Nummer eins aller Wochen seit dem Jahr 2000, wenn es um alle Sterbefälle pro 100.000 EW geht! Das ist mehr als ein Viertel des Jahres! Weitere 26 Wochen (ein halbes Jahr!) lagen die Werte auf den Plätzemn 2 bis 5 unter allen gleich numerierten Kalenderwochen seit dem Jahr 2000! Nur im Jahr 2021 (30 Wochen unter den „Top 5“) gab es mehr Wochen in diesem Bereich. Allerdings gab es damals nur 6 Wochen mit den höchsten Werten der jeweiligen Wochen. Das sind gleich viele wie im Jahr 2020 – damals waren es allerdings nur 18 Wochen, die zusätzlich unter den Top5 lagen.
  • Anders ausgedrückt: Im Jahr 2020 gab es 29 Wochen, die nicht unter den Top 5 Werten aller Jahre seit 2000 lagen. Vier davon hatten sogar Werte unter den 5 niedrigsten seit 2000.
    Im Jahr 2021 waren es nur 16 Wochen, die nicht unter den Top 5 Werten aller Jahre seit 2000 lagen. Zwei davon (Ende Februar/Anfang März) gehörten zu den 5 niedrigsten der jweiligen KW seit dem Jahr 2000.
    Im abgelaufenen Jahr 2022 gab es nur mehr 11 Wochen, die nicht unter den Top 5-Werten lagen und keine davon war eine der fünf niedrigsten seit 2000. Sechs dieser „unauffälligen Wochen“ lagen ganz am Anfang des Jahres, jeweils eine weitere im Februar und März. Ab dem 14. März gab es nur mehr drei Wochen (!), die unauffällige Werte aufwiesen, seit dem 5. September keine einzige mehr!

Männer oder Frauen?

Waren es nun eher die Männer oder die Frauen, bei denen das Sterbegeschehen 2022 so stark ausgeprägt war?

Ladies first

Das sind die Durchschnitts-Werte der einzelnen Kalenderwochen seit 2000. Wir sehen gleich, dass es im Jahr 2000 und auch 2004 mehr Todesfälle pro 100.000 Frauen gab als 2020 oder 2022. Das Jahr 2021 liegt auch noch hinter Zahlen aus dem Jahr 2003.

Der höchste einzelne Wochenwert stammt mit 28,05 Todesfällen pro 100.000 Frauen aus dem Jahr 2020 – es war die KW 49, die neben den Wochen 16 und allen Wochen von KW 46 bis 51 den höchsten Wert der einzelnen Wochen seit 2000 aufweisen.
Gleichzeitig gab es in der KW 6 den niedrigsten Wert aller Jahre und weitere 11 Wochen weisen Werte auf, die unter den 5 niedrigsten aller Jahre seit 2000 liegen. Nur 8 Wochen liegen neben den 7 schon genannten unter den Top 5 aller Wochen.

Im Jahr 2021 gab es nur vier Wochen mit Höchstwerten, einmal war es in KW 36 und dann noch die drei Wochen von KW 43 bis KW 45. In den Wochen 8 und 9 gab es die niedrigsten Sterbezahlen seit dem Jahrhundertwechsel.
Acht Wochen mit Werten aus den niedrigsten 5 aller Jahre stehen 18 Wochen mit Werten aus den Top5 gegenüber.

Im Jahr 2022 gab es 8 Wochen mit neuen Höchstwerten – einmal die KW 13 und 14 im Frühjahr und dann neben der letzten Woche des Jahres auch noch die Wochen von KW 38 bis KW 42. Nur vier Mal gab es Werte aus den niedrigsten 5 aller Jahre, neben der KW 35 liegen diese alle in den ersten 10 Wochen des Jahres. 18 Wochen lang lagen die Werte unter den Top 5 seit dem Jahr 2000 – neben den bereits erwähnten 8 Wochen mit Höchstwerten. Das heißt, dass genau das halbe Jahr 2022 die Sterbezahlen unter den höchsten 5 aller vergleichbaren Wochen seit dem Jahr 2000 lagen! Das sind 4 mehr als im Jahr 2021 und 11 mehr als im Jahr 2020.

Trotzdem liegen diese Zahlen deutlich unter denen der Gesamtbevölkerung – also müssen es wohl die Männer sein, oder?

Die Männer

Es wird bei dieser Grafik sofort klar: Das erhöhte Sterbegeschehen der letzten drei Jahre war stark durch Todesfälle von Männern geprägt! Bis zum Jahr 2020 lagen die Sterbezahlen pro 100.000 Männer und Woche im Schnitt aller Jahre immer sehr ähnlich – zwischen 15,58 (2008) und 16,64 (2015) Todesfälle sind zu sehen.
2020 waren es dann 18,10, und dieser Wert stieg 2021 auf 18,18 und 2022 auf 18,37 an. Das sind 2,3 Todesfälle pro Woche und 100.000 Männer mehr als im Schnitt der Jahre 2000 bis 2019.

Die KW 47 ist mit 26,52 Todesfällen pro 100.000 Männer die mit dem höchsten Wert aller Wochen seit dem Jahrtausendwechsel.
Sie gehört zusammen mit neun anderen Wochen zu denen im Jahr 2020, die den höchsten Wert seit 2000 aufweisen. Dazu kommen noch 19 Wochen, die auf den Plätzen 2 bis 5 liegen – macht 28 Wochen mit Top-5-Werten. Nur viermal lagen hingegen die Zahlen unter den 5 niedrigsten seit 2000.

Im Jahr 2021 gab es „nur“ 8 Wochen mit neuen Top-Werten, dazu kommen jedoch noch einmal 35 Wochen (!), die unter den Top-5-Wochen seit dem Jahr 2000 liegen. Nur neun Wochen lang waren die Zahlen unauffällig im Jahr 2021 bei den Männern!

Wer glaubt, das wäre nicht zu toppen, der irrt: Im Jahr 2022 gab es nur mehr SIEBEN Wochen, in denen es unauffällige Zahlen bei den Todesfällen gab. Von den anderen 45 Wochen zeigten gleich 15 einen neuen Höchstwert seit dem Jahr 2000 auf! Und bis auf zwei Kalenderwochen lagen diese sieben Wochen alle im Jänner oder Februar des Jahres, als uns Omicron fest im Griff hatte!

FAZIT

2022 war, wenn wir die Gesamtzahlen der Verstorbenen pro 100.000 EW seit dem Jahr 2000 anschauen, das Jahr mit den meisten Todesfällen in Österreich.
Vor allem bei den Männern, aber auch bei den Frauen gab es zwei Auffälligkeiten: Die Zahlen lagen anders als bei anderen Jahren mit vielen Todesfällen vor der Pandemiezeit praktisch DURCHGEHEND höher als der langjährige Schnitt davor. Und es gab im Gegensatz zu anderen Jahren keine wirkliche „Erholung“, sprich es gab keine Phasen mit auffallend niedrigen Zahlen dazwischen – das gab es zuletzt im Jahr 2020 im Sommer. So gab es bei den Männern seit dem 19. Juli 2020 keine einzige Woche mehr, die zu den Kalenderwochen zählt, die einen der niedrigsten 5 Werte seit dem Jahr 2000 aufweisen.
Bei den Frauen schaffte das zuletzt die KW 35 im Spätsommer 2022.

Im Gegensatz zu den Jahren 2020 und 2021, wo noch alle von Covid als Ursache dieser Übersterblichkeit überzeugt waren – obwohl bei den Zahlen nicht unterschieden wurde und wird, wer wirklich ursächlich daran verstorben ist – gibt es jetzt offensichtlich keinen „Schuldigen“ dafür. So starben zum Beispiel in den sechs Wochen von KW 37 bis KW 42 genau 8.602 Personen in Österreich – und nur 182 davon sind als offizielle C19-Todesfälle geführt. Das sind 2,1% aller Verstorbenen – in einer Phase, die DURCHGEHEND die höchsten Sterbezahlen pro Woche aufweist seit dem Jahr 2000!

Ich weiß, ich wiederhole mich: Vielleicht werden uns die offiziellen Todesursachen-Statistiken, die normalerweise Anfang Sommer erscheinen für das Jahr davor, ein wenig Aufschluss bieten, warum es so gekommen ist. Ich weiß, dass es auch den Pflegekräften in den Krankenhäusern auffällt, dass in den letzten Wochen extrem viele Menschen, vor allem ältere, verstorben sind.

Ich habe die Daten auch schon für alle Altersgruppen und nach Geschlechtern getrennt aufbereitet – das würde hier und heute jedoch den Rahmen sprengen. Es wird auf jeden Fall interessant, so viel kann ich schon versprechen! Denn nicht immer ist das Ganze nur die Summe der Einzelteile!