Falsche Wellenlänge?

Seit heute Morgen gibt es einen Beitrag beim ORF-Vorarlberg, wo der hiesige Ärztekammerpräsident so zitiert wird:

„Durch die Öffnungsschritte werden die vielen Neuinfektionen in Kauf genommen, sagt Ärztekammerpräsident Michael Jonas. In den Spitälern steigt die Zahl der CoV-Patienten erfahrungsgemäß erst zwei Wochen später. „Man muss schon sehr optimistisch sein, um zu glauben, dass es im Spital so bleibt. Es ist ein bisschen eine Verhöhnung der Ärzte, des Pflegepersonals und aller im medizinischen Bereich Tätigen“, sagt Jonas.“

Quelle: ORF-Vorarlberg (https://vorarlberg.orf.at/stories/3146914/)

Da ist mir eingefallen, dass Wolfgang List, der leitende Oberarzt der Intensivmedizin am LKH Feldkirch einmal vor vielen Monaten auf einer PK erklärt hat, dass 8% der Infizierten im Krankenhaus landen und davon etwa 20% auf die Intensivstation müssen. Ich habe damals eine Grafik gemacht, um diese Aussage zu visualisieren. List sprach damals von 10 Tagen Verzögerung und nicht 14.

Sehen wir uns doch an, wie die Wellen verlaufen sind, was diese Aussage betrifft. Auf den Grafiken erkennen wir in orange die Zahl der aktiv Positiven, dazu kommen zwei Linien: in pink die Normalbettbelegung mit C19-Positiven und die Intensivbettenbelegung in gelb. Die jeweils gestrichelte Linie ist die Annahme 8% im Normalbett, davon 20% auf der Intensivstation. Die Lienien der Bettenbelegung sind jeweils um den Faktor 10 erhöht, weil sie sonst so niedrig wären, dass sie kaum erkennbar sind!

Welle 1 – Frühjahr 2020

Bei der ersten Welle war es sogar so, dass MEHR als die angesprochenen 8% im Normalbett lagen – die Linie ist über der gestrichelten. Auch bei den Intensivbetten waren es mehr als 20% der Hospitalisierten, denn auch die gelbe Linie ist über der gestrichelten in derselben Farbe. Allerdings stimmt die zeitliche Verlagerung – also der 10-Tage-Abstand nicht wirklich, sondern die Menschen kamen deutlich früher ins Spital, sowohl bei den Normalbetten als auch der Intensivstation.

Welle 2 – Herbst 2020

Bei der Welle zwei sieht es anders aus: Eeinerseits stimmt der zeitliche Verauf eher auf die 10 Tage Verzögerung. Andererseits ist die zu erwartende Anzahl an Patienten in Bezug auf die Positiven DEUTLICH unter den Angaben geblieben: Statt bis zu 350 PatientInnen zum Höchststand waren es nur 212, also fast genau 40% weniger. Bei den IntensivpatientInnen waren es damals etwa 22% weniger als es laut der Annahme sein sollten – außerdem verlief die Belegung eher parallel zu den aktiv Positiven, also nicht wirklich zeitversetzt.

Welle 3 – Frühjahr 2021

Die dritte Welle war bei uns nie so ausgeprägt wie in anderen Bundesländern – das erkennen wir auch, wenn wir auf die Zahlenskala schauen. Während hier die Linie der Normalbett-PatientInnen mit positiven C19-Test noch – wenn auch DEUTLICH niedriger als zu erwarten – dem Verlauf der Zahl der Positiven folgt, so ist dies bei den IntensivpatientInnen nicht mehr wirklich erkennbar – außer ev. ganz am Anfang der „Welle“ bis Mitte April. danach sinken die zahlen schon wieder. Eine „zeitliche Verzögerung“ ist überhaut nicht zu erkennen.
Was die „Höhe“ der zahlen betrifft, so waren die Zahlen noch eindeutiger: statt 155 Normalbetten waren maximal 56 belegt – das sind um 64% weniger. Bei den Intensivbetten waren es statt 31 PatientInnen 18 (42% weniger), und das bereits VOR dem Höhepunkt der Welle!

Welle 4 (Delta) – Herbst 2021

Was mir bei der vierten Welle sofort auffällt, ist die andere „Optik“ der Welle. Sie verlief in Sachen aktiv Positive (Abgesonderte) mehr wie eine „gaußsche Glockenkurve“, also runder und gleichmäßiger als die vorigen Wellen, die eher stark anstiegen und dann nach einem kurzen „Spitz“ wieder stark absanken.

Was die „Höhe“ der Lienien betrifft, so wird der Unterschied immer größer zur Annahme. statt 865 PateintInnen im Normalbett gab es mit knapp 180 um etwa 80% weniger – also statt 8% nicht einmal 2% der Positiven, die im Spital lagen. Statt 170 IntensivpatientInnen (was deutlich mehr gewesen wäre, als es in Vorarlberg Intensivbetten gibt) waren es maximal 32 – das sind ebenfalls etwa 80% weniger.

Wir können in Welle vier sagen: Etwa 2% aller Positiven lagen als C19-PatientInnen in einem Normalbett und etwa 18% davon wurden auf der Intensivstation behandelt.

Auch der zeitlich Verlauf stimmt fast mit dem der Welle überein, der Höchststand war jeweils ca. am Ende des längeren Höchststands der Positiven.

Welle 5 (Omikron) – 1. Quartal 2022

Ich glaube, jeder erkennt, dass bei der Omikron-Welle etwas nicht gestimmt hat in Vorarlberg – die „Klippe“ bei den Positiven würde man bei einem Bergmassiv wohl „Omikronfluh“ nennen. Schuld daran ist der 12. Februar, als – von niemandem in der Presse wirklich hinterfragt – an einem Tag die Zahl der Positiven von fast 25.000 aus etwa 17.000 „korrigiert“ wurde.

Was die „Höhe“ der Linien betrifft, so hätten mit der damaligen Annahme von Dr. List fast 2.000 Menschen mit positivem C19-Test im Spital liegen müssen – es waren aber nie mehr als 77 bis dato – das sind 96% weniger oder absolut ausgedrückt 0,3% aller Positiven!
In den Intensivstationen hätten fast 400 Fälle liegen müssen bei der ursprünglichen Annahme. Der Höchststand war jedoch am 12. Jänner dieses Jahres mit 12 erreicht – das ist einerseits noch vor dem Anstieg der Omikron-Wand gewesen und andererseits um 97% weniger als zu erwarten gewesen wäre. Wenn wir die Zahl der IntensivpatientInnen 10 tage nach dem Höchststand der Welle bisher ansehen, dann lagen dort 4 PatientInnen auf der Intensivstation – das waren 5% der zum gleichen Zeitpunkt in Normalbetten liegenden C19-Fälle. Mit gestrigem Stand wären es 8% gewesen.

Eine „zeitliche Verschiebung“ ist schon überhaupt nicht mehr erkennbar – selbst wenn wir die Kurven auf das HUNDERTFACHE erhöhen, dann ist nur zu erkennen, was in Dänemark oder auch der Schweiz offen ausgesprochen wird: Bei sehr vielen Positiven in der Bevölkerung steigt automatisch auch die Zahl der Positiven im Spital an, weil auch viele Menschen, die aus einem ganz anderen Grund ins Spital kommen, positiv sind.

FAZIT

Die ursprüngliche Aussage von Dr. List zu den PatientInnen im Spital stammt von November 2020. Damals wurde noch nicht getestet wie heute. Das hat natürlich auch Einfluss auf die Prozentwerte. Allerdings sind es jetzt statt 8% nur mehr 0,3% aller Positiven – das ist fast 27 mal weniger! Vergleichen wir das mit der Delta-Welle, wo es noch bis zu 2% aller Positiven waren, dann ist Omikron etwa 7 Mal weniger gefährlich, was Aufenthalte im Krankenhaus betrifft.

Ist das Ganze mit der hohen Anzahl an Impfungen zu begründen? Ich kann es nicht sagen, weil niemand öffentlich verlautbart, wie es um den Impfstatus ALLER überhaupt Getesteten und auch aller positiv Getesteten steht. Nur dann könnten wir Rückschlüsse ziehen. Derzeit kann ich nur sagen: Vorgestern war der Anteil an Menschen mit gültigem Impfzertifikat im Spital HÖHER als der Anteil von Menschen mit einem solchen in der GESAMT-Bevölkerung Vorarlbergs (wo die unter 5-Jährigen gar nicht geimpft werden dürfen).

Wenn es nun so wäre, dass wir Zahlen haben zu den Getesteten und den Positiven, dann wäre ein Vergleich möglich. Wenn zB 60% der Positiven vollgeimpft sind, im Spital jedoch wie vorgestern über 77% liegen, dann stimmt etwas nicht mit der „Schutzwirkung“. Ist es anders herum – also 80% der Positiven sind Vollgeimpfte, aber „nur“ 77% liegen im Spital mit dem gleichen Status, dann hilft die Impfung minimal in Sachen Krankenhausaufenthalte. Allerdings wären 80% der Positiven wieder ein Wert, der darauf hin deutet, dass es keine wirkliche Schutzwirkung bei Omikron gibt, wenn es darum geht, eine „Infektion“ zu verhindern.